Peter Brenitz lachte herzlich auf.
„Reich? Das ist ein recht relativer Begriff. Ich habe ungefähr so viel, wie ich brauche, denn mein seliger Großvater hatte die Vorsicht, mein zukünftiges Vermögen in Terrains anzulegen.“
„Terrains!“
Herr Kalinski nahm unwillkürlich einen halben Schritt Abstand und lüftete hochachtungsvoll seinen bräunlich schimmernden Zylinder.
„Von Terrains habe ich schon öfter gehört. Da sollen manche Leute in Berlin klotziges Geld verdienen. Wo früher kaum Sandhafer wuchs, soll man ja heute für den Morgen zehntausend und mehr Daler zahlen. Hier noch nicht mal dreihundert Mark.“
Von da an geriet die Unterhaltung ins Stocken, denn Herr Kalinski war in schweres Nachdenken versunken. Einen Gast, der ein eigenes Automobil und Terrains in Berlin besaß — mit dem Worte „Terrain“ verband sich ihm unwillkürlich der Begriff von ungezählten Millionen — hatte das Grand Hotel de Russie seit seinem Bestehen nicht beherbergt, märchenhafte Preise waren da zu nehmen, zum mindesten vier Mark pro Zimmer und Tag, und märchenhafte Trinkgelder zu verdienen. Dazu aber gehörten mehr als die vorläufig bestimmten acht Tage. Vor allem aber war es notwendig, den antisemitischen Uebereifer des Herrn Provisors Kellmigkeit zu dämpfen, damit dem hochgeschätzten Gaste unangenehme Eindrücke erspart blieben. Gewiß, wer ein bißchen ’was auf sich hielt, war natürlich Antisemit, aber, wenn das Geschäft in Frage kam, verschloß man seine Gefühle im innersten Schreine seines Herzens, und wenn die Millionen anfingen, hörten selbst in den allervornehmsten Kreisen die antisemitischen Gesinnungen auf. Also mußte in diesem ähnlich liegenden Falle eine diplomatische Aktion ins Werk gesetzt werden, vielleicht in der Weise, daß der Besitzer des Grand Hotel de Russie sich zu dem Besitzer der Apotheke zum goldenen Engel begab und diesem auseinandersetzte, daß sein Provisor den fatalen Ausschließungsantrag zurückzog. Wenn man ihm deutlich mit der Kündigung winkte, falls er sich’s beifallen ließe, den sozialen Frieden des Städtchens zu stören, war es anzunehmen, daß er im Interesse eines gesicherten Broterwerbs ein Opfer an Ueberzeugung brachte. Der Besitzer der Goldenen Engel-Apotheke aber war zu einer so gearteten Einwirkung sicherlich sehr leicht zu bestimmen, denn er handelte unter anderem auch mit Benzin, und weshalb sollte er wegen der antisemitischen Gesinnung seines Provisors auf einen Kunden verzichten, der als Automobilbesitzer sicherlich Tausende von Litern dieses kostbaren, in Stradaunen sonst nur zur Entfernung von Fettflecken verkauften Stoffes gebrauchte? ...
So weit war Herr Kalinski in seinen Erwägungen gekommen, als ihn eine Frage seines Begleiters aus dem Nachdenken riß. Wie geartet die Bevölkerung des Städtchens wäre, fragte nämlich der Herr Referendarius Brenitz, und da kam Herrn Kalinski ein Einfall, so genial, daß er vor Freude fast einen Luftsprung getan hätte.
„Die Bevölkerung? Prima, prima, Herr Referendarius! Pferde können Sie hier mit den Leuten stehlen gehen, so gutmütig und entgegenkommend sind sie. Der einzige Störenfried ist ein Apotheker.“
„Ach! Ein Apotheker?“
„Ja! Sonst ein ganz umgänglicher Herr, aber er fängt alle Nas’ lang Krach an. Namentlich mit Fremden. Wenn ’was Fremdes zugereist kommt, das ist für ihn, wie für den Bullen das rote Tuch. Aber man muß das nicht ernst nehmen, nach einiger Zeit begibt er sich wieder.“