„Um Himmels willen,“ sagte Peter Brenitz. „Da müßte ich mich ja hüten, bei ihm ein Rezept machen zu lassen!“
„Nein, so verrückt ist er nun nicht, der Herr Provisor Kellmigkeit, nur so leicht „übergebraten“, wie alle Apotheker. Aber Sie wissen ja jetzt Bescheid, und wenn Sie den Herrn Provisor treffen, werden Sie auch wissen, wie Sie ihn zu behandeln haben.“
„So so,“ erwiderte Peter Brenitz zerstreut, denn seine Aufmerksamkeit war von einem die Straße entlang fahrenden Wagen in Anspruch genommen, einem Dogcart, vor dem ein Paar schnittige Trakehner trabten, gelenkt von einer blondhaarigen jungen Dame. Die Aufmachung war tadellos, Peitsche und Zügelversammlung in bester Haltung, und die Trakehner gingen wie an der Schnur. Unwillkürlich war er stehen geblieben, hatte grüßend die karierte Reisemütze gezogen. Die junge Dame auf dem Bocke neigte dankend die Peitsche, und nach einem Dutzend Pferdelängen sah sie sich nach der unbekannten Erscheinung um ... eine scharf gegen den blauen Himmel gezeichnete, elegante Silhouette, deren Umrisse in dem von den Rädern aufgewirbelten Staube verschwanden, wie eine Fata Morgana, die sich dem Wanderer im Wüstensande zeigte ...
„Wer war das, eben?“
Herr Kalinski zuckte, ein wenig geringschätzig, mit den Achseln.
„Das gnädige Fräulein aus Przygorowen, auch so ’ne Sache mit unverkäuflichen Terrains. Wenn der Wind schlecht steht, laufen sie über die Grenze, aber neulich munkelte man so ’was von Hellingen. Hellingen! Man muß wissen, was das in hiesiger Gegend bedeutet: dreiundsechzigtausend Morgen! Lächerlich, an so was überhaupt nur zu denken!“
Peter Brenitz hätte seinen Führer gerne gebeten, diese, wohl nur einem eingeborenen Stradauner verständliche Runensprache ins Deutsche zu übersetzen, aber eine gewisse anerzogene und angeborene Schüchternheit verschloß ihm den Mund. Zuweilen, selbst von näheren Bekannten, wurde sie ihm als Hochmut ausgelegt, aber er konnte nichts dafür. Es war ein Erbteil vom Vater her, der in einer weltfremden Zurückgezogenheit gelebt hatte, halb ein Gelehrter, halb ein Fanatiker. Ein Gelehrter, der die gesamte Weltliteratur durchforschte, um Beweise für eine Theorie zu finden, daß das Volk Israel allenthalben als Träger einer höheren Kultur zu wirken hätte, und, trotz des eigenen, eingesponnenen Lebenswandels, ein fanatischer Gegner aller Absonderungsbestrebungen. Restlos hätte das auserwählte Volk in den Stämmen aufzugehen, die ihm nach höherer Weisung Schutz und Obdach gewährten, und von dieser Verschmelzung erhoffte er eine neue Blüte des ganzen Menschengeschlechtes ... Wie aus einer glücklichen Ehe, deren Nachkommen alle guten Eigenschaften der Eltern erbten, und ein Vermögen hatte er gemeinnützigen Stiftungen geopfert, die ihm geeignet erschienen, sein Ideal um einen einzigen kleinen Schritt der Verwirklichung näher zu bringen ...
Ein Erlebnis in heißer Feldschlacht hatte ihm den Sinn auf rastlosen Erwerb gewandelt und den neuen Weg gewiesen, wie die Erscheinung aus Himmelshöhen einstmals dem Apostel der Christengemeinde ... Bei St. Privat war es gewesen, das zweite Garderegiment rückte in Kolonne nach der Mitte gegen die feindlichen Stellungen vor. Die Kugeln pfiffen, die platzenden Schrapnells rissen Lücken in die stürmenden Reihen, die sich wie auf dem Exerzierplatze wieder zusammenschlossen, die Musik spielte den Avanciermarsch, wie auf dem Tempelhofer Felde. Ab und zu gab es in dem dröhnenden Gekrach einen schrillen Mißklang, wenn einem der tapferen Bläser von feindlichem Geschoß die Brust zerrissen wurde, unentwegt aber erklang nach dem letzten Paukenschlag die schrille Melodie der Pfeifer: „Wir geh’n dem Tod entgegen, tirilititi, tiriliti, wir geh’n dem Tod entgegen ...“
Eine Mauer stand im Weg, in weißlichen Pulverdampf gehüllt, irgendwoher kam ein lauter Kommandoruf: Drauf und drüber! ... Einen Augenblick lang geriet die anstürmende Welle ins Stocken, einen Augenblick später kletterten Hunderte von verwegenen Gesellen über das Hindernis ... Ein grober Kolben schwebte hoch in der Luft, um dem Einjährigen Brenitz den Kopf zu zerschmettern, eine blitzende Klinge fuhr dazwischen ... „sac’ nom de Dieu ...“ Der Hieb ging vorbei, ein schwarzbärtiger Turko stürzte vornüber aufs Gesicht.
„Herr Leutnant, schön’ Dank!“