„Unsinn, Einjähriger! Einhauen!“
Und ein paar Augenblicke später, die Gefangenen waren in einem Winkel des Kirchhofes zusammengedrängt, gab es Revanche. Eine der am Boden liegenden braunen Bestien hatte hinterrücks den Revolver erhoben, zielte auf den Leutnant, wie ein Wurfspeer fuhr die bajonettbewehrte Flinte des Einjährigen dem Kerl in die Gurgel.
„Jetzt sind wir wieder quitt, Herr Leutnant!“
„Na schön, dann können wir das nächste Mal wieder von vorne anfangen!“ ...
Der Christ hatte dem Juden das Leben gerettet, und der Jude dem Christen, vierzehn Tage später aber kamen die Eisernen Kreuze heraus, und der Herr Regimentskommandeur hielt bei der Ueberreichung eine markige Ansprache, stellte sie beide, den Leutnant Freiherrn von Bergkem und den Kriegsfreiwilligen Hermann Brenitz den anderen als ein nacheifernswertes Beispiel todesverachtender Kameradschaft dar ...
An diesem Tage glaubte der Kaufmann Brenitz seinen wahren Beruf erkannt zu haben, und als ihm ein paar Jahre später der Tod seines Vaters die wirtschaftliche Unabhängigkeit verlieh, übergab er das Geschäft seinem Bruder und widmete sich mit stiller Zähigkeit der Arbeit an einem Ziele, dessen Erreichung ihn höher dünkte als alles, was Menschengeist sonst erstrebte.
In diesem Glauben hatte Hermann Brenitz seinen spät geborenen Einzigen erzogen, und als ihn noch vor der Schwelle des Greisenalters ein rascher Tod von dannen rief, hinterließ er dem Sohne als köstlichstes Erbteil seinen hochgerichteten, allem Kleinlichen abholden Sinn, seine schier leidenschaftliche Liebe zu allem, was schwach und unterdrückt war, und ein milde urteilendes Herz, das über Fehler und Gebresten der anderen verzeihend hinwegsah. Daneben aber leider keine Spur von praktischer Lebenserfahrung und auch nicht ein Quentchen jenes gesunden Egoismus, der in den heutigen harten Zeiten selbst einem reinen Idealisten vonnöten ist ...
Seine erste Tat, nachdem er die Universität bezogen hatte, war die Gründung eines Studentenvereins „Utopia“, in dem er zu seinem Teil an der Verwirklichung der väterlichen Ziele zu arbeiten gedachte, der Verbrüderung von Deutschtum und Judentum. Auf seinen Aufruf am schwarzen Brette meldeten sich drei Mitglieder, ein Jude und zwei Christen. Der Jude, ein Rabbinersohn aus dem Posenschen, war aus Opposition eingetreten und bewies ihm in stundenlangen Debatten, daß seine Theorien Unsinn wären, daß das Ziel des Judentums vielmehr in der strengen Absonderung läge und in letztem Sinne in der friedlichen Wiedereroberung der alten zionistischen Heimat. Die beiden Christen aber waren praktischer gesonnen. Sie faßten die geplante Verbrüderung mehr im Sinne einer Vermögensteilung auf, lebten ein Semester lang auf seine Kosten und pumpten ihn an. Und als der Rabbinersohn aus dem Posenschen zu Beginn des zweiten Semesters in seiner Eigenschaft als Kassenwart an die Zahlung der rückständigen Mitgliederbeiträge erinnerte, traten sie aus, bezeichneten die Bestrebungen der Verbindung roherweise als „Mumpitz“ und sengten den beiden jüdischen Mitgliedern der „Utopia“ bis zur Abfuhr auf. Der Rabbinersohn erklärte, seine Anschauungen gestatteten ihm nicht die Teilnahme an einem Zweikampfe, Peter Brenitz aber, der von seinem Vater gelernt hatte, ein rechter Mann müßte im Notfalle seine Ueberzeugung auch mit seinem Blute besiegeln, trat mit dem Schläger in der Faust für die gekränkte Ehre der „Utopia“ ein. Das Resultat waren zwei gewaltige „Abfuhren“, eine über den Kopf und die andere quer über die Stirn und Nase, so daß er nach dem langwierigen Ausheilungsprozesse Schwierigkeiten hatte, vor seinen kurzsichtigen Augen den Klemmer zu befestigen.
Aber das focht ihn weiter nicht an, viel schmerzlicher berührte ihn ein anderes Erlebnis, das mit der Pauksuite gegen die beiden abtrünnigen Mitglieder unmittelbar in Zusammenhang stand. Sein tapferes Verhalten auf den beiden Mensuren hatte das Wohlgefallen der „Alanen“ erregt, bei denen er „Waffen belegt“ hatte, und der Erste dieses in Berlin hochangesehenen Korps lud ihn ein, sich an einem der nächsten offiziellen Abende auf der Kneipe einzufinden. Diese Einladung aber erfüllte ihn mit Stolz, denn sie bedeutete nichts anderes, als daß man in den Kreisen der „Alania“ Wert darauf legte, seine Mitgliedschaft zu gewinnen. Mit geschwelltem Busen ging er zu der offiziellen Kneipe hin, trank mehr, als seinen frischen Schmissen dienlich war, sang begeistert im Chore mit „Hier sind wir versammelt zu löblichem Tun“ und „Strömt herbei, ihr Völkerscharen“. Als er sich aber zum Eintritt meldete, nahm ihn der Erste der „Alania“, ein narbenbedeckter, sehniger Bursch’, der das schwere, dunkle Bier wie Wasser hinabschüttete, beiseite.
„Scharmant, lieber Herr Kommilitone, aber wir haben zu unserm lebhaftesten Bedauern erst heute nachmittag erfahren, daß Sie noch nicht getauft sind. Wenn Sie bereit sind, dieses Versäumnis nachzuholen — es könnte ziemlich rasch und schmerzlos bewerkstelligt werden, denn einer unserer alten Herren ist zufällig Pastor in Rixdorf — wären wir unsererseits ebenfalls bereit, Sie aufzunehmen.“