„Entschuldigen Sie gütigst,“ sagte Peter Brenitz darauf, „der Paragraph 1 Ihrer Statuten lautet doch: ›Das Korps ist eine Vereinigung von Studierenden zur Pflege echten Burschensinnes ohne Rücksicht auf Religion und politisches Glaubensbekenntnis‹?!“
„Gewiß, das war früher einmal, aber heute haben sich die Zeiten geändert. Heute müßten wir befürchten, im hohen Kösener Verband als ein Bund zweiter Klasse eingeschätzt zu werden, falls wir nicht lauter christliche Mitglieder hätten. Wenn wir Ihnen gestatten, durch eine, immerhin gangbare Hintertür das hohe Ziel der Mitgliedschaft eines Korps zu erreichen, so mögen Sie daraus ersehen, daß wir immerhin auf Ihren Eintritt einigen Wert legen.“
„Herzlichen Dank,“ erwiderte Peter Brenitz, „aber das Betreten dieser Hintertür muß ich ablehnen. Mein seliger Vater erträumte Zeit seines Lebens die Verschmelzung von Christen und Juden als sein höchstes Ideal, aber nur auf dem Grunde der Gleichberechtigung, als von zwei gleichwertigen Komparenten, die bei einer Vereinigung nichts aufzugeben hätten. Ich würde nicht in seinem Sinne handeln, wenn ich auf Ihre Bedingung einginge.“
Der Erste der Alanen stand auf und klappte förmlich die Hacken zusammen.
„Dann bedauere ich lebhaft! Darf ich meinen Rest auf Ihr Wohl trinken, Herr Studiosus?“ Er schüttete den Inhalt seines Glases die Kehle hinab, und Peter Brenitz verstand ihn. Er hob sein Glas: „Ich löffle mich, Herr Studiosus“ — studentische Gebräuche hatte er gelernt, als er noch der selig entschlafenen „Utopia“ präsidierte — und nach einer kurzen Schicklichkeitspause, damit sein Abgang nicht so absichtlich aussähe, entfernte er sich. Nicht so sehr über die Zumutung betrübt, die man ihm gestellt hatte, als über den Verlust jeder Möglichkeit, in den Kreisen der Alanen für die Ausbreitung der väterlichen Ideen wirken zu können.
In der Zeit, als er sich für die beiden Mensuren einpaukte, hatten die lustigen Gesellen ihm gar sehr gefallen, einer oder der andere unter ihnen sah auch wohl so aus, als entbehrte er nicht eines gewissen Interesses für höhere, über die tägliche Kneipe und den Fechtboden hinausreichende Ziele, aber wie sollte man ihm näher kommen? Sie lebten ja alle in einer Gemeinschaft, die sich mit einer aus Vorurteilen gebauten Mauer umgab. Und wenn er später im Vorhofe der Universität unter dem bunten Gewimmel der dort paradierenden Studentenverbindungen die Farben der Alanen auftauchen sah, zog sich ihm immer das Herz zusammen ...
Für eine Weile gab er es auf, Freundschaften im andern Lager zu suchen. Er betrieb mit gewissenhaftem Eifer sein juristisches Studium und versenkte sich in die Schätze der väterlichen Bibliothek. In seinen kärglichen Mußestunden aber huldigte er einem Sport, zu dem er aus Zufall und Gutmütigkeit gekommen war. Eines Tages nämlich hatte er aus der Konkursmasse eines Fabrikanten, dem sein Vater zur Etablierung eine erhebliche Summe vorgestreckt hatte, ein Automobil übernehmen müssen. Der Chauffeur erklärte, er müßte brotlos werden, wenn der Wagen in andere Hände überginge. Eine solche Verantwortung aber mochte Peter Brenitz nicht tragen, also behielt er Gefährt und Lenker, und wenn dieser in gemessenen Zwischenräumen erklärte, es wäre wieder einmal nötig, die Maschine zu bewegen, wurde eine Spazierfahrt in den Grunewald unternommen. Von dem alten Hause in der Wilhelmstraße, in dem der Studiosus Brenitz den ersten Stock bewohnte, nach Pichelswerder und nach einer Erfrischungspause, deren Dauer der Chauffeur bestimmte, wieder zurück. In Pichelswerder nämlich besaß dieser eine Braut, die im „Seeschlosse“ als Köchin diente, und wenn sie von beruflichen Pflichten nicht allzusehr in Anspruch genommen wurde, nützte der verliebte Chauffeur die günstige Gelegenheit zu einem längeren Beisammensein. Sein Herr aber trank indessen geduldig eine Tasse Kaffee, rauchte nachdenklich eine oder mehrere Zigaretten und paßte auf den in Sichtweite am Gartenzaun stehenden Wagen auf ...
So vergingen allmählich die Semester. Peter Brenitz war auf dem besten Wege, ein versponnener und menschenscheuer Einsiedler zu werden, wenn ihn nach dem glücklich bestandenen Examen nicht seine Wahrheitsliebe unversehens in eine andere Umgebung versetzt hätte. Als nämlich die neugebackenen Referendarien nach „besonderen Wünschen bezüglich ihres zukünftigen Beschäftigungsbezirks“ gefragt wurden und die Mehrzahl natürlich sich mit triftigen Gründen um das Verbleiben in Berlin bewarb, wußte er allein keine solchen Gründe anzuführen. Er besaß zwar als einziger, der das Examen mit dem Prädikate Gut bestanden hatte, einen gewissen Anspruch auf Berücksichtigung und wäre ja auch recht gerne in Berlin und seinen liebgewordenen Gewohnheiten geblieben. Die anderen aber versicherten, sie wären in ihrer wirtschaftlichen Existenz bedroht, wenn man sie nicht in der Reichshauptstadt beschäftigte, und das traf bei ihm nicht zu. Er war weder genötigt, seinen Unterhalt durch Stundengeben zu verdienen, noch darauf angewiesen, bei Verwandten zu wohnen. Einen triftigen Grund aber frei zu erfinden, vertrug sich nicht mit seiner Wahrhaftigkeit.
Also trat er bescheiden hinter den anderen zurück und erhielt acht Tage nach dem Examen die offizielle Mitteilung, er wäre an das Amtsgericht Stradaunen im Landgerichtsbezirke Lyck versetzt. Er mußte das Konversationslexikon zu Rate ziehen, um zu erfahren, in welche Gegend des deutschen Vaterlandes ihn die amtliche Verfügung für die nächsten Jahre seines Lebens verschlug, und mit einem leichten Seufzer klappte er den dicken Band wieder zu.
„Stradaunen, Stadt im Regierungsbezirke Allenstein, Provinz Ostpreußen, 2000 Einwohner, Amtsgericht,“ lautete die dürftige Notiz. Das klang nicht sehr ermutigend, aber einen Trost gab es immerhin: das Städtchen lag in Ostpreußen, und von diesem Landstriche hatte der verstorbene Vater immer mit besonderer Liebe gesprochen. In jungen Jahren, noch vor dem Feldzuge, hatte ihn eine geschäftliche Reise dorthin geführt, und seit dieser Zeit bewahrte er in seinem Herzen eine dankbare Erinnerung an die gastfreie Aufnahme, die er allenthalben gefunden. Gar nicht genug aber wußte er die biedere und offene Gesinnung der Bevölkerung zu rühmen, bei der ein Wort und ein Handschlag mehr galten als anderwärts geschriebene Verträge, und mit einem gewissen Stolze pflegte er hinzuzufügen, daß bei „seinen lieben Ostpreußen“ die Seuche des Antisemitismus verhältnismäßig die geringste Ausdehnung gefunden hätte. In diesem Lichte besehen, nahm sich die Versetzung nach Stradaunen also schon bedeutend freundlicher aus, und schließlich, was ließ er denn in Berlin zurück, um das er sich sonderlich hätte grämen müssen? Freunde besaß er keine, die Vergnügungen der Weltstadt lockten ihn nicht, und mit seinen Verwandten von Vatersseite her verknüpfte ihn nur ein recht loses Band. Das Schwierigste dünkte ihm die Auseinandersetzung mit seinem Chauffeur, an den er sich im Laufe der Jahre gewöhnt hatte, und den er doch nicht gut brotlos machen konnte. Auf der anderen Seite aber durfte er ihn doch auch nicht vor den schweren Konflikt stellen, zwischen den Pflichten gegen seinen Herrn und seine Braut zu wählen. Wider alles Erwarten jedoch vollzog sich die Lösung dieses Dilemmas in sehr einfacher Weise.