Der Chauffeur nämlich erklärte ziemlich gelassen, an der Braut in Pichelswerder läge ihm wenig. Er könnte alle Tage eine andere finden, nimmermehr aber einen so guten und freundlichen Herrn. Da hielt ihm Peter Brenitz eine kleine Standrede, daß es frivol wäre, mit einem Menschenschicksal so leichtsinnig zu spielen. Als er aber die Versicherung empfing, auch die Pichelswerderin würde sich gar bald mit einem anderen trösten, war er’s zufrieden. Er händigte dem Chauffeur ein namhaftes Geldgeschenk ein, um die verlassene Braut wenigstens ein bißchen für die Untreue zu entschädigen, an der er sich selbst nicht ganz schuldlos fühlte, und begab sich leichteren Herzens nach der Tiergartenstraße, um dem Geheimen Kommerzienrat Brenitz, dem einzigen Bruder seines Vaters und Inhaber der altangesehenen Bankfirma Samuel Brenitz’ sel. Witwe Söhne, deren Gründungsjahr in die Regierungszeit Friedrich Wilhelms des Zweiten hinaufreichte, seinen pflichtgemäßen Abschiedsbesuch zu machen.

Der alte Herr, der in den Kreisen der Börse und der Industrie ein gewaltiges Ansehen genoß, verwaltete dem Neffen das Vermögen, beteiligte ihn, ohne groß zu fragen, an sicheren und gewinnbringenden Unternehmungen, für seine besondere Wesensart aber hatte er kein Verständnis. Ein junger Mensch, aus dem etwas Tüchtiges werden sollte, hätte mit beiden Füßen im wirklichen Leben zu stehen, statt unerfüllbaren Phantastereien nachzuhängen, und was er einstmals dem Bruder verziehen hatte, machte er dessen Sohn zum Vorwurf. Ein hart empfundenes Geschick hatte ihm selbst den männlichen Erben versagt, nur zwei Töchter wuchsen ihm heran, die von einer eitlen Mutter nach dem eigenen Vorbilde erzogen wurden. Es verbitterte ihm die beste Schaffensfreude, daß er die stolze, alte Firma, die ihre in schweren Zeitläuften errungene Größe seiner rastlosen Arbeit verdankte, einmal fremden Händen hinterlassen sollte. Als sein Bruder starb, empfand er daher neben aller gerechten Trauer fast ein Gefühl der Freude, denn jetzt gab es eine Möglichkeit, sich einen Nachfolger zu erziehen, der seinen Namen trug und aus seinem Blute war; aber schon nach den ersten ernsthaften Gesprächen mußte er zu seinem Leidwesen erkennen, daß er sich einer trügerischen Hoffnung hingegeben hatte. Der damals kaum den Knabenschuhen entwachsene Jüngling hörte ihn respektvoll an, aber seinen Werbungen setzte er ein festes Nein entgegen. Denn er hatte dem sterbenden Vater in die Hand gelobt, seinem Lebenswerke mit allen Kräften ein Erfüllen zu geben.

Da wurde der Geheimrat heftig, schalt seinen verstorbenen Bruder einen Narren, der aus dem Sohne einen noch größeren Narren gemacht hätte, und erklärte, die einzige Lösung der Judenfrage wäre die, den Christen Respekt einzuflößen, statt ihnen nachzulaufen.

Peter Brenitz verbat es sich, daß in seiner Gegenwart das Andenken seines Vaters geschmäht würde, und das Zerwürfnis war fertig. Seither wurde er in dem Hause seines Onkels ein seltener Gast, der sich nur bei besonderen Gelegenheiten einstellte, und keiner fand den Weg zum andern, wenn sie sich im innersten Herzen auch einsam fühlten. Der Jüngere fürchtete den Spott, und der Ältere hatte sich über seiner enttäuschten Hoffnung verbittert. Erst als Peter zum Abschiednehmen kam, traten sie sich wieder um ein weniges näher.

Der alte Geheimrat empfing ihn gegen alles Herkommen sehr freundlich, hörte der Mitteilung, daß er ans Amtsgericht Stradaunen versetzt worden wäre, mit halbem Ohre zu, dann aber legte er los, um einen Groll, der ihm am Herzen fraß, in eine verschwiegene Brust zu entladen.

Eine Weile lang ging er in dem geräumigen Gemache, durch dessen hohe Scheiben die Eichen des Tiergartens im grünen Blätterschmucke grüßten, auf und ab, die Hände auf dem Rücken und das bartlose Gesicht mit der mächtigen Stirn leicht zur Seite geneigt. Und plötzlich blieb er stehen.

„Also, sie hat’s richtig geschafft, die geborene Guggenheimer,“ — wenn er auf seine Frau zornig war, pflegte er sie mit ihrem Mädchennamen zu bezeichnen, auf den sie als Angehörige eines alten Frankfurter Geschlechts nicht wenig stolz war — „es ist ein Gardeleutnant! Noch dazu von der Kavallerie und aus ältestem, verschuldetem Adel. Von Krotthelm heißt er. Schon in den Kreuzzügen haben seine Vorfahren gegen die Ungläubigen gekämpft, und er setzt die Traditionen seiner Ahnen mit ungeschwächten Kräften fort, nimmt mir mein Geld und meine Tochter. Die Ilse natürlich, denn die Frida ist, Gott sei Dank, so unbedeutend und häßlich — sie schlägt mehr nach mir ... Also da hat sich noch keiner herangetraut. Denn die Lüge, seine Liebe wäre so abgrundtief und so weiter, wäre zu knüppeldick!“

„Aber, Onkel,“ warf Peter schüchtern ein, „ist es denn so ganz und gar ausgeschlossen, daß dieser Herr von Krotthelm für Deine Tochter Ilse eine wirkliche Zuneigung empfindet?“

Der Geheimrat Brenitz lachte höhnisch auf.

„Bloß Zuneigung, mein Söhnchen? Liebe empfindet er, eine so heftige Liebe, daß er ohne mein Kind nicht leben kann! Und das stimmt aufs Haar, denn ich habe mich sehr sorgfältig und bei allen möglichen Stellen über ihn erkundigt. Er kann wirklich ohne die Ilse nicht weiterleben, denn die Schulden schlagen ihm über dem Kopf zusammen. Seine Pferde und seine Maitresse kann er nicht weiter halten, wenn er meine Ilse nicht kriegt mit ihren baren zwei Millionen Mitgift.“