„Dann würde ich doch aber ganz einfach meine Zustimmung verweigern, lieber Onkel?!“
„Ach, was Du sagst!“ Der Geheimrat stellte sich vor seinen Neffen hin und legte ihm die Hand auf die Schulter: „Zustimmung! Dazu gehören doch immer zwei, einer, der fragt, und der andere, der Ja sagt. Meine Frau aber hat mich gar nicht gefragt“ — er schlug mit der geballten Faust einen zornigen Lufthieb — „sondern hinter meinem Rücken die Anzeigen verschickt. Aus der Vossischen Zeitung heut früh hab’ ich’s erfahren, daß meine älteste Tochter sich verlobt hat. Nicht auf die Börse hab’ ich mich getraut, um mich nicht auslachen zu lassen, und in die Ressource geh’ ich vor den nächsten drei Monaten nicht, trotzdem ich meine Partie Bridge vor dem Essen nötiger hab’ als ein Kranker seine Medizin! ‚Gratuliere,‘ sagt der alte Hirschfeld, der Louis Meyer und der Goldschmidt desgleichen, und nachher, beim Spielen, kommen die Gemeinheiten.
‚Ich überlasse,‘ sagt der Hirschfeld, ‚und nicht wahr, lieber Brenitz, Ihr zukünftiger Herr Schwiegersohn steht, wenn ich recht gelesen habe, bei den Gardedragonern?‘
‚Pik,‘ sagt der Meyer, ‚was soll es bei meinem Pech schon anders sein? Aber ich habe gehört, bei einer Heirat mit einer Jüdin muß der Bräutigam zum Train.‘
Und der Goldschmidt mit seinem kahlen Schädel und der einsamen Skalplocke nimmt die Karten zusammen:
‚Die Herren von der Gegenpartei hätten bei richtigem Verständnis der Lage drei Trick in sans atout gemacht! Was aber Ihren zukünftigen Schwiegersohn angeht, lieber Brenitz‘ — dabei wetzt er die Zunge an den Lippen, denn jetzt kommt die größte Gemeinheit — ‚so kann ich’s verstehen, daß Sie mit beiden Händen zugegriffen haben. Einen versierteren Vorsteher der Wechselabteilung, als den Baron von Krotthelm, können Sie sich gar nicht wünschen. Der reitet auf ’nem Wechsel so gut wie auf ’nem Pferd, und auch in der Industrie weiß er Bescheid. Neulich hat er von einem Gurglerkonsortium einen größeren Posten Damenkorsetts übernommen und mit Nutzen losgeschlagen. Denn die Valuta blieb er natürlich schuldig ...‘
Also, was sollst Du da tun? Alten Freunden, die es gut mit Dir meinen, die Karten an den Kopf werfen? Oder mit der Faust auf den Tisch hauen: Da ist nur die geborene Guggenheimer daran schuld? Weil sie aus einem Geschlechte stammt, das mit den Rothschilds Haus an Haus gewohnt hat in der Judengasse zu Frankfurt und das damals schon über diese Parvenüs die Nase rümpfte, weil zweihundert Jahre früher ein Guggenheimer zu Worms auf dem Scheiterhaufen brannte? Deshalb aber — ausgerechnet — kennt sie keinen höheren Ehrgeiz, als ihrer Tochter einen adligen Christen zum Eidam zu suchen, und ich als Vater muß den Mund halten? Weil sie mich einmal erwischt hat, als ich ein junges Tanzmädchen aus einem Theater hübscher fand als die geborene Guggenheimer? Na, und jetzt freu’ Dich doch, Weltverbesserer,“ so schloß der Geheimrat Brenitz mit grimmigem Auflachen, „das Ziel Deiner Sehnsüchte ist ja erreicht. Einer aus dem anderen Lager steigt über die trennende Mauer, das Christentum verschmilzt mit dem Judentum, und — Hosiannah — ein neuer Fortschritt des Menschengeschlechtes ist endlich angebahnt?!“ ...
Der Geheimrat Brenitz wandte sich ab und starrte zornig über den blumengeschmückten Vorgarten auf die breite Straße hinab. Sein Neffe aber hob den feinen Kopf mit den schwärmerischen Augen.
„Mein seliger Vater, lieber Onkel, hat immer gesagt, in einem wäre die Lehre der Christen erhabener und schöner als die unsrige: in der verzeihenden Liebe, die einen reuigen Sünder höher einschätzte als eine ganze Schar von Gerechten. Und weshalb sollen wir uns diesen Satz nicht annehmen? Vielleicht, wenn Du Deinen zukünftigen Schwiegersohn mit Liebe empfängst, daß es Dir gelingt, durch Zuspruch und Beispiel aus ihm einen Mann zu erziehen, der Dir eine Freude wird und eine Stütze für Dein Alter?“
Der Geheimrat Brenitz fuhr jählings herum, als er aber in das Gesicht seines Neffen blickte, stockte ihm das kränkende Wort, das sie schon einmal geschieden hatte, auf den Lippen.