„Also, es ist gut, mein Sohn. Ich weiß, Du meinst es ehrlich. Aber geh hinüber auf die andere Seite des Hauses, da führen sie zu Dreien ein Lustspiel auf: ‚Der adlige Mitgiftjäger oder der geprellte Schwiegervater‘, und da paßt Du mit Deinen Anschauungen besser hin. Ich gratulier’ Dir, es wird ein Trauerspiel daraus. Aber was liegt Dir an dem Hause Brenitz? Ein leerer Name ist’s für Dich, Schall und Rauch, wie der Dichter sagt, und nichts spricht zu Dir, daß auch ein Name Pflichten auferlegt?!“ ...
Peter Brenitz atmete tief auf.
„Lieber Onkel, es kommt mir nicht zu, Dir Ratschläge zu erteilen, eins nur möchte ich Dir noch sagen: Dein zukünftiger Schwiegersohn ist doch ein Edelmann! Leichtsinnig vielleicht und auch leichtfertig, aber doch im Innersten von anständiger Gesinnung, sonst hätte er des Königs Rock nicht tragen dürfen. Und ein gutes Wort findet gute Stelle! Sprich Dich mit ihm aus, so recht aufrichtig und herzlich, und ich bin überzeugt, Du wirst noch an dieser Verbindung Freude erleben!“
Der alte Herr Geheimrat lächelte trübe.
„Mein Sohn, was bist Du noch jung! Fast könnte man Dich beneiden, denn es muß schön sein, das Leben durch eine rosenrote Brille anzusehen ... Auch ich kenne manchen Edelmann, Barone, Grafen, Fürsten und Herzöge ... den Hut ab vor ihnen; denn ihre Gesinnung ist lauter und ihr Wort wie Eisen. Aber sie kommen in mein Geschäftskontor in der Behrenstraße, um sich bei mir Rat zu holen für spekulative Anlagen, oder sie bringen mir ihr Vermögen zur Verwaltung, weil sie wissen, bei Samuel Brenitz sel. Witwe Söhne liegt es so sicher wie im Juliusturm. Was aber in mein Haus kommt hier in der Tiergartenstraße, das, mein Sohn, ist Ausschuß! Und glaub’ mir, jeder Edelmann, oder, ich will dieses Wort nicht mißbrauchen, sondern lieber dafür sagen, jeder Mann aus einer einstmals adligen Familie, der einem Judenmädchen in die Augen sieht, um es zu seinem Weibe zu machen, hat vorher schon in den Lauf einer Pistole gesehen. Solche Menschen aber erzieht man nicht! Und ich werde Dir sagen, wie alles kommen wird: Die Freude da drüben wird genau so lange vorhalten wie das Geld, das die Guggenheimer ihrer Tochter mitgeben kann, denn ich steure zu dieser Verbindung keinen Pfennig bei! Von dem Guggenheimerschen Gelde — es sind immerhin zwei Millionen — wird der Herr Baron erst seine Schulden bezahlen und dann sich ein Rittergut kaufen, hier irgendwo in der Nähe von Berlin. Dort aber wird ein Leben sein, wie im Himmel, jeden Tag ein Fest mit Gästen, bis das Geld zu Ende ist. Und eine Weile danach wird mein Kind hier vor mir stehen, an Leib und Seele gebrochen, mir vielleicht fluchen, daß ich sie heute nicht zurückgehalten habe ... Also, es ist gut, ich kann’s nicht ändern. Und jetzt adieu, mein Sohn, nimm’s mir nicht übel, daß ich alter Mann zu Dir von meinen Sorgen und Kümmernissen gesprochen habe. Reise mit Gott und nimm all Deine Ideale mit in Deinen neuen Wirkungskreis. Ich wünsch’ Dir alles Gute. Wenn Du jedoch Dir eines Tages das Herz wund gestoßen hast da draußen, denk’ an das alte Haus in der Behrenstraße mit dem verwitterten Firmenschild über der Tür. Der Tag soll gesegnet sein, an dem Du unter ihm durchschreitest, und das Haus hat schon Schwereres getragen als einen Chef, der nicht nur seine Angestellten und sich selbst, sondern die ganze Menschheit beglücken wollte“ ....
Da begehrte Peter Brenitz nicht auf, sondern hob dem Bruder seines Vaters die schlaff vom Lehnstuhle herabhängende Hand.
„Lieber Onkel, Du hast vorhin gesagt, ein Name verpflichtet. Der meinige legt es mir auf, meinem verstorbenen Vater zum Wohlgefallen zu leben. Er hat mir den Beruf eines Richters erwählt, und für diesen will ich mich mit Ernst vorbereiten. Verzeih mir also, wenn ich Dir nicht zu Willen sein kann, und verzeih mir auch jetzt in der Stunde des Abschieds, daß ich Dir damals vor vier Jahren mit heftigen Worten widersprach. Heute sehe ich, daß Du mich nicht in böser Absicht kränken wolltest, und es tut mir leid, daß ich nicht öfter den Weg zu Dir fand!“ ...
Dem alten Herrn wurden die Augen feucht, und noch lange saß er sinnend in seinem Lehnstuhle ...
Ein Kind ging da ins Leben hinaus, ein reiner Tor, der nach dem heiligen Grale der Versöhnung suchte ... Und fast wie Neid sprang’s ihn an gegen den verstorbenen Bruder, der in dem Sohne einen Nachfolger besaß, einen, der an seinem Werke weiterarbeitete, mochte es noch so unfruchtbar und töricht sein. Er aber?! ... Er hatte gerafft und gescharrt, Schätze auf Schätze gehäuft, und wenn er von dannen ging, mußte er sehen, daß die Arbeit seines Lebens in die Hände verschwenderischer Erben fiel ..
Ein heißer Groll stieg ihm im Herzen empor, und er reckte die Hand nach dem Klingelknopfe auf dem Schreibtische. Der Diener erschien in der Tür: „Herr Geheimrat?“