Peter bemerkte schüchtern, es hätte allerdings in seiner Absicht gelegen, eine mittlere Sechszimmerwohnung zu mieten, eine kleine Villa am liebsten, mit abgeschlossenem Garten. Frau Popiella aber legte, ordentlich erschrocken, die speckige Hand auf die zum Platzen gespannte Kattunbluse.

„Gott erbarm sich, sechs Zimmer und hier in Stradaunen? So viel hat ja nich mal der Herr Amtsgerichtsrat mit seinen sieben Kindern, und wozu braucht ein einzelner junger Herr bloß so viel Gelaß?“

„Ja,“ sagte Peter, ein wenig hilflos, „ich gebe zu, daß ich in dieser Beziehung wohl allzu sehr verwöhnt bin. Immerhin brauche ich doch mehrere Räume für meine Bibliothek, einen für den Flügel und etliche andere unentbehrliche Einrichtungsstücke, die ich mir aus Berlin nachschicken lassen möchte. Auch ein eigenes Badezimmer hätte ich gerne.“

Frau Popiella schüttelte den Kopf.

„Hier wird nur im Sommer gebadet, unten im See. Und überhaupt, so ’ne Wohnung werden Sie in ganz Stradaunen nich finden. Auf Spekelatzion wird hier nich gebaut, was die paar Herrschaften vom Steueramt sind, die sind froh, daß sie unter sind, wenn wer nach außerhalb versetzt wird, is auch gleich schon immer der Nachfolger da. Und die Herren Assistenten und so, die begnügen sich mit einem Budchen. Aber, was wollen Sie, Herr Referendarius, wir nehmen hier noch zwei Zimmer zu, und Sie leben wie im Himmel!“

So sprach Frau Popiella fort und fort, pries mit erheblicher Zungenfertigkeit die Annehmlichkeiten der zentralen Lage, deren sich das Grand Hotel de Russie erfreute, und hob die Vorzüge hervor, die das Wohnen in einem Gasthofe mit sich brächte: Prompte Bedienung von geschultem Personal und warme Restauration zu jeder Tageszeit.

Peter Brenitz aber zögerte noch immer, sich durch ein festes Abkommen für längere Zeit zu binden. Auf der Fahrt von Berlin hatte ihm etwas anderes vorgeschwebt als eine Wohnung im geräuschvollen Hotel ... irgendwo ein rosenumbuschtes Häuschen in schattigem Garten mit verschwiegenen Laubengängen am Ufer eines stillen Weihers ... Da spann man sich mit seinen geliebten Büchern ein, oder, wenn man das Glück hatte, einen gleichgestimmten Gefährten zu finden, wurde an den Abenden ein wenig musiziert und in langen Gesprächen alles erörtert, was in der Brust nach Klarheit rang ... Schließlich gab Herr Meltzer, der Chauffeur, der mit seinem pfauchenden und rasselnden Wagen eine halbe Stunde vorher unter dem Staunen der ganzen Bevölkerung einen triumphartigen Einzug gehalten hatte, den Ausschlag. Nach einer bedeutungsvollen Rücksprache mit Herrn Kalinski und einer kurzen Musterung des weiblichen Küchenpersonals, die ein zufriedenstellendes Ergebnis gehabt zu haben schien, begab er sich in den oberen Stock hinauf, wo sein Herr noch immer der Beredsamkeit von Frau Popiella standhielt.

„Also, Herr Doktor, ick hab mir informiert, so wat, wie wir suchen, jibt et hier nich. Det sind in bezuch auf hochherrschaftliche Wohnungsverhältnisse ja die reinen Zulukaffern. Wenn wir uns nich selbst ’ne Villa bauen wollen, müssen wir schon hier wohnen bleiben!“

Peter Brenitz seufzte auf und griff nach seinem Zylinderhute, um sich zur Meldung aufs Amtsgericht zu begeben. Alle geschäftlichen Verhandlungen waren ihm ein Greuel, und wenn Frau Popiella noch lange in ihn gedrungen wäre, hätte er schließlich das ganze Grand Hotel de Russie gemietet ...

„Es ist gut, hier unsere freundliche Wirtin hat mir schon Aehnliches berichtet. Also machen Sie für ein Vierteljahr zunächst alles ab! Einigen Sie sich auch über den Preis, und teilen Sie mir dann das Nötige mit!“