„Wird besorgt,“ sagte Herr Meltzer und schlug in militärischer Haltung die Hacken aneinander. Seinem findigen Geiste, der sich bisher nur bei der Neubeschaffung von Reifen und größeren Reparaturen des Autos in der Festsetzung seines, vom Chauffeurstandpunkte aus legitimen Gewinnanteils betätigt hatte, erschloß sich hier mit einem Male eine neue Erwerbsquelle, und nach einer langen, geschäftlichen Auseinandersetzung, bei der Frau Popiella leuchtende Augen und rote Backen bekommen hatte, klappte er befriedigt sein öliges Notizbuch zusammen. Die vereinbarten Preise betrugen ungefähr das Doppelte von dem, was Herrn Kalinski selbst bei ausschweifender Phantasie als Maximum vorgeschwebt hatte. Wenn die einträgliche Stellung noch ein paar Jährchen vorhielt, konnte man sich selbständig machen und ein kleines Geschäft anfangen ...

„Wenn er sich nu aber irgendwo erkundigt?!“ meinte Frau Popiella bedenklich. Herr Meltzer aber machte eine beruhigende Bewegung mit der von Oel und Benzin geschwärzten Hand:

„Und wenn schon, dann jloobt er’t nich! Wissen Se, jnädje Frau, wat det for ’n Mensch is? Immer mit ’n Kopp in de Wolken und ’n Herz wie ’n Lamm! Eher denkt er, de Welt jeht unter, als det ihn eener hochnehmen könnte, und janz abjesehen von dieser Noblijkeit — et schadt ihm nischt, denn von den Reichtum kann sich unsereens jar keene Vorstellung nich machen. Klotzig, sag ick Ihnen, und wat er for ’n jutet Tierchen is, dafor nur een Beispiel. Ick hatt’ da unter anderm ooch ’ne Braut in Pichelswerder. Und wie wir nu fortmachten von Berlin, händicht er mir doch tausend Märker ein, als Entschädigung for det Mächen, und det se sich über meinen Verlust nich zu sehr jrämen sollte. Wie ville, meenen Se wohl, det ick meine jewesene Braut von diese tausend Märker abjejeben habe?“

„Taugenichtssche Berliner Kreet,“ sagte Frau Popiella und gab ihrem Gegenüber mit der quabbeligen kleinen Faust einen wohlgefälligen Stoß gegen die schwarze Lederjacke. Herr Meltzer aber zwirbelte sich das spärliche Schnurrbärtchen auf und revanchierte sich mit einem zärtlichen Blick in ein Paar wässerig-blaue Augen. Fortan war er auch über die Größe der Bratenportionen beruhigt, die zu seinem täglichen Ausgedinge gehörten ...

Herr Popiella, der gewichtige Besitzer des Grand Hotel de Russie, hatte sich unterdessen quer über den Marktplatz in die Apotheke zum goldenen Engel begeben, um mit deren Inhaber, dem Beigeordneten und Vorsteher des konservativen Wahlvereins, Herrn Kraska, ein ernsthaftes Gespräch unter vier Augen zu führen. Und das von Herrn Kalinski erfundene Argument eines gesteigerten Benzinabsatzes, das Herr Popiella jedoch nach den zwischen Prinzipalen und Angestellten herrschenden Grundsätzen als sein eigenes Geistesprodukt bezeichnete, tat seine Schuldigkeit. Herr Kraska fand, der Antisemitismus wäre durchaus kein integrierender Bestandteil der konservativen Parteirichtung, vielmehr ein lediglich nebensächlicher Satz, dessen Befolgung oder Nichtbefolgung ganz im freien Belieben des einzelnen läge. Herr Popiella aber hätte seinerseits vollkommen recht, wenn er im Interesse eines gesteigerten Fremdenverkehrs von dieser im Programme vorgesehenen Freiheit Gebrauch machte und sich, diskret, aber energisch, gegen eine unangemessene Störung seines Geschäftsbetriebes wandte. Und als er sich nach einem kräftigen Händedrucke entfernte, hörte er, wie der Provisor Kellmigkeit von seinem Chef aus dem vorderen Ladenraume nach hinten in die Rezeptierkammer gerufen wurde. Die Tonstärke dieses Rufes aber ließ darauf schließen, daß die nachfolgende Belehrung an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lassen würde ...

Das Gerücht von der Ankunft eines millionenreichen Berliner Referendars hatte sich schon in den frühen Morgenstunden im Städtchen verbreitet, kaum, daß Herr Kalinski seinen Gast unter verstärktem Anschlage der Hotelglocke in die vorher bestellten Gemächer geleitet hatte. Das Eintreffen des Autos, dem der bebrillte und staubbedeckte Lenker auf dem Vordersitze höchst überflüssigerweise eine Anzahl greulich klingender Signale entlockte, erregte geradezu Sensation und ließ auch die letzten Zweifler verstummen, denn eine solche Maschine war in Stradaunen noch nie zuvor gesehen worden. Wer sich einen derartigen Luxus verstattete, mußte allerdings sehr reich sein. Die abenteuerlichsten Erzählungen wurden weitergetragen und geglaubt. Das ganze Grand Hotel de Russie sollte er gemietet haben, dieser sagenhafte Millionenreferendar, und zwar mit der Bedingung, daß während seiner Anwesenheit dort kein anderer Gast wohnen dürfte. Später aber gedächte er sich an passendem Platze anzukaufen, und gar mancher Hausbesitzer trat auf den Marktplatz hinaus, musterte prüfenden Blickes sein Anwesen und überlegte, wie hoch im Ernstfalle wohl der Aufschlag zu dem ortsüblichen Grundstückspreise zu berechnen wäre.

In den Schaufenstern der beiden Läden, die mit Herrenartikeln handelten, erhielten die Auslagen einen keckeren Schmiß, und etliche der Mütter, die ihrem gesellschaftlichen Range gemäß darauf rechnen konnten, daß der neue Referendarius in ihrem Hause einen Besuch machen dürfte, sahen sich ihre heranwachsenden Töchter an.

„Olga, Du mußt Dir entschieden eine modernere Frisur zulegen. Du aber, Marie, spring’ rasch in die Buchhandlung hinüber und hol’ die letzte Modenzeitung. Man weiß ja schon gar nicht mehr, was getragen wird, und wenn einer aus Berlin kommt, möcht’ man sich doch nicht gern lächerlich machen.“ ...

So übte das rote Gold seine Macht, und als Peter Brenitz in korrektem Gehrock, Lackstiefeln und Zylinder unter der Obhut des wegkundigen Stiftes Louis über den Marktplatz nach dem in einer Seitenstraße gelegenen Amtsgerichte ging, verneigten sich die in den Türen stehenden Ladenbesitzer, und hinter den behutsam zur Seite geschobenen Gardinen im ersten Stock sahen blaue und braune Augen auf die Straße hinab. Peter Brenitz aber freute sich über die freundliche und zutrauliche Haltung der Bevölkerung. Sie stimmte so ganz zu dem Bilde, das ihm der verstorbene Vater von „seinem lieben Ostpreußen“ gezeichnet hatte ...

Das Gerücht von dem Reichtum des neu aus Berlin gekommenen Referendars war natürlich auch in das Amtsgericht gedrungen, und Heino von Bergkem saß mißmutig über einem dickleibigen Aktenstücke im Richterzimmer; baute an einem Erkenntnis, rauchte eine Zigarette nach der anderen und ärgerte sich. Aergerte sich über sich selbst, daß er tags zuvor in der „Masovia“ für diesen Kollegen Brenitz so gewaltig und nachdrücklich vom Leder gezogen hatte, halb aus innerlichem Gerechtigkeitsgefühl, halb, um die stumpfsinnigen Bonzen der Tischgesellschaft wieder einmal in Verlegenheit zu versetzen und sie die Ueberlegenheit seines Geistes fühlen zu lassen. Für ein hilfloses Bürschlein hatte er geglaubt zu fechten, und jetzt kam da ein protzenhafter Bengel daher, im eigenen Auto und aufgeblasen natürlich wie alle Berliner ... womöglich geriet man in den Verdacht, man hätte von diesem Reichtum vorher gewußt und rechtzeitig, wegen eines etwa vorzunehmenden größeren Pumpes, den Mantel nach dem Winde gehängt ... ah, pfui Deuwel noch einmal! ...