„Allerdings! Aber, wenn ich fragen darf, weshalb interessiert Sie das?“
Peter Brenitz atmete tief auf, griff mit der Linken nach dem herabfallenden Klemmer und streckte dem Kollegen in heißer Aufwallung die Rechte entgegen.
„Weil ... weil ... also Ihr Herr Vater hat dem meinigen, und er wiederum dem Ihrigen das Leben gerettet!“ Und mit sprudelnden Worten erzählte er die Episode aus dem heldenmütigen Ringen um den Kirchhof von St. Privat, wie er sie wohl hundertmal aus dem Munde seines Vaters gehört hatte.
Der lange Heino aber stand dabei, machte ein seltsam bekniffenes Gesicht, und als die Erzählung zu Ende war, sagte er: „Ach nee, wie ulkig, wie manchmal der Zufall spielt: Wir, die beiderseitigen Söhne, treffen uns jetzt hier als Kollegen.“
Als Peter jedoch weiter berichtete, wie sein verstorbener Vater jedesmal am Tage der Schlacht von St. Privat in einem Glase edlen Weines das Hoch auf seinen Lebensretter und Waffenbruder ausgebracht hätte, wurden dem Langen plötzlich die Augen feucht, und er sah ins Leere.
„Na ja, die alten Herren! Mein seliger Papa machte aus diesem Jahrestage ebenfalls immer ein großes Festschießen und knüpfte daran allerhand Nutzanwendungen für mich, wissen Sie, er war sonst ein riesig anständiger Kerl, natürlich ein Grandseigneur vom Scheitel bis zur Sohle, aber politisch gehörte er einer Spezies an, die in Ostpreußen längst ausgestorben ist, nämlich den liberalen Großgrundbesitzern ... ihre Söhne sitzen im Bund der Landwirte, ja, und ich war damals noch sehr jung, verstand ihn kaum, denn ich bin erst lange nach dem Feldzuge geboren ... Sie sehen ja, Ihr werter Name war mir bedauerlicherweise nicht so geläufig wie Ihnen der meinige. Immerhin ist wohl einiges aus jener Zeit bei mir hängen geblieben ... Aber, um auf unsere Gegenwart zurückzukommen“ — der lange Heino richtete sich auf — „weshalb in drei Deuwels Namen haben Sie hier in diesem kleinen Nest einen so geräuschvollen Einzug gehalten? Das stößt manchen vor den Kopf, denn wir sind arme Luders, und mit ’nem Automobilbesitzer können wir nicht Tempo halten!“
Da lachte Peter Brenitz fröhlich auf, denn der neue Kollege hatte mit seiner offenen Art sein Herz im Sturm erobert, und mit kurzen Worten erklärte er, wie wenig er für diesen Anstoß erregenden Luxus könnte. Sein Chauffeur hätte eines Tages Besitz von ihm ergriffen, um ihn seither nicht mehr loszulassen. Und als sein Zuhörer lustig mitlachte, ging er noch mehr aus sich heraus, erzählte ein weniges von seinem einsamen Leben, den Enttäuschungen, die er durchgemacht hatte, und schloß mit der schüchternen Hoffnung, hier neben einer befriedigenden Tätigkeit vielleicht auch ein bißchen Freundschaft zu finden. Heino von Bergkem hörte aufmerksam zu, in sein sonst zu allerhand lustigen Streichen aufgelegtes Gesicht war ein Zug nachdenklichen Ernstes getreten, und als der andere ein wenig scheu die Hand ausstreckte, schlug er kräftig ein.
„Na, wir wollen mal sehen! Für heute mittag bitte ich Sie, im Hotel de Russie mein Gast zu sein. Um ein Uhr cum tempore treffen wir uns dort, alles übrige aber werde ich schon vorher einrenken!“
Peter Brenitz wollte in aller Harmlosigkeit fragen, was dabei „einzurenken“ wäre, wenn sie beide im Hotel de Russie Mittag äßen, aber der Herr Amtsgerichtsrat betrat das Zimmer, und Heino bat wegen eines dringenden Ganges um Urlaub. Noch im Abgehen winkte er mit der Hand, schnitt hinter dem Rücken des Oberkollegen eine lustige Grimasse, und Peter wollte es scheinen, als wäre die vorhin so ungemütliche und nüchterne Amtsstube plötzlich ganz hell und freundlich geworden ...
Einen „ulkigen Zufall“ hatte der andere in seiner burschikosen Sprechweise ihr Zusammentreffen genannt, ihm aber dünkte es eine von Anbeginn bestimmte Fügung. Ein gütiges Geschick ließ ihn gleich in der ersten Stunde den Sohn jenes Mannes finden, der in dem Leben seines Vaters eine so bedeutungsvolle Rolle gespielt hatte, einen herrlichen Jüngling von echt deutscher Art, den zum Freunde zu haben ein gar köstlicher Gewinn sein mußte ...