Es folgte die Zeremonie der Vereidigung mit einigen kernigen Worten über die erhabenen Aufgaben des juristischen Berufes, und als der Amtsgerichtsrat — ein kränklich aussehender Herr in den Sechzigern — die schwarze Robe ausgezogen hatte, lud er den jüngeren Kollegen für einen der nächsten Abende zu einem gemütlichen kleinen Essen ein, im allerengsten Familienkreise. Wenn er musikalisch wäre, würde er ein paar gleichgestimmte Seelen finden.
Peter Brenitz sagte freudig zu. Es überraschte ihn nicht weiter, daß eine kurze Weile danach ein junges Mädchen den Kopf zur Tür hereinsteckte, „na, Papchen, bist Du noch nicht fertig? Mutti läßt sagen, die Suppe wird kalt!“
Hier in der gemütlichen kleinen Stadt schienen selbst die Amtsgeschäfte einen familiären Anstrich zu haben, denn die junge Dame zog sich nicht etwa zurück, sondern betrat in lieblicher Verwirrung das Zimmer. Ob sie jung war oder alt, hübsch oder häßlich, konnte Peter nicht erkennen, denn zu dem feierlichen Vorgange der Vereidigung hatte er den Kneifer abgenommen, nur so viel vermochte er zu unterscheiden, daß sie ein fußfreies Kleid trug und einen Strudelkopf brauner Locken.
Der Herr Amtsgerichtsrat stellte vor: „Herr Kollege Brenitz — meine Tochter Trudchen,“ und fügte freudig hinzu: „Denk Dir nur, eben hab’ ich erfahren, Herr Brenitz ist musikalisch!“
Peter wehrte bescheiden ab, er wäre wohl ein großer Verehrer guter Musik, seine eigene Kunstübung erhöbe sich jedoch in nichts über einen mäßigen Dilettantismus.
Fräulein Trudchen aber trat mit zierlichem Knixe näher und klatschte in die Hände:
„Das ist himmlisch! Dann wollen wir recht fleißig vierhändig spielen. Wer so bescheiden tut, ist immer ein Künstler. Lieben Sie Chopin?“
Und als Peter, ein wenig verwundert über die plötzliche Frage, bejahte, erfuhr er, daß Fräulein Trudchen eine geradezu leidenschaftliche Verehrerin des großen Tondichters wäre, der wie kein zweiter die schwermütige Note des polnischen Nationalcharakters zu treffen gewußt hätte, darin aber wäre sie sachverständig, denn von ihrer Mutter her, einer geborenen von Zuchopolska, flösse ihr polnisches Blut in den Adern.
Und weiter erfuhr Peter, daß sie nach vierjährigem Studium am Königsberger Konservatorium schweren Herzens auf den Beruf einer Künstlerin verzichtet hätte, aus Rücksicht auf die amtliche Stellung ihres geliebten Papchen. Zugleich aber sah er in der Nähe, daß Fräulein Trudchen sich bedeutend jugendlicher trug, als es ihren fünf- oder sechsundzwanzig Jahren angemessen war. Auf einem hageren braunen Halse saß ein unschöner eckiger Kopf mit einer breiten Stumpfnase, über deren Sattel ein Streifen häßlicher Sommerflecke lief. Das tat ihm leid für die junge Dame, aber da sie freundlich zu ihm war, mochte er sie durch einen raschen Abschied nicht kränken. Er hörte ihr noch eine ganze Weile geduldig zu, wie sie von den Triumphen erzählte, die sie auf einigen Wohltätigkeitskonzerten gefeiert hätte. Und als er sich schließlich empfahl, weil die Zeit, zu der ihn sein Gastgeber ins Hotel de Russie geladen hatte, schon verstrichen war, hatte er, ohne es zu wollen, ein Mädchenherz in helle Flammen gesteckt.
Das hatte nun freilich nicht viel auf sich, denn Fräulein Trudchen verliebte sich schon seit Jahren gewohnheitsmäßig in jeden neu an das Stradauner Amtsgericht versetzten Referendar; diesmal jedoch war die Leidenschaft heftiger denn je, und sie gestand sich errötend, daß auch sie entschieden Eindruck gemacht haben müßte. Freimütig erklärte sie dem Vater, daß sie es nicht verstände, wie junge Mädchen einem sonst sympathischen Bewerber gegenüber konfessionelle Bedenken haben könnten. In den Augen jedes aufgeklärten Menschen wäre der Antisemitismus ein verbrecherischer Unfug, und sie dürfte stolz bekennen, daß sie sich dessen niemals, auch in ihrer frühesten Jugend nicht schuldig gemacht hätte.