Der alte Herr Amtsgerichtsrat nickte dazu und lächelte trübe. Mit Freuden hätte er selbst einem Heiden oder Türken den väterlichen Segen gegeben; denn in der im Oberstock des Gerichtes belegenen Dienstwohnung wuchs ihm noch eine ganze Schar von Töchtern heran, die aus Rücksicht auf die älteste Schwester sich noch jugendlicher tragen mußten als Fräulein Trudchen, aber im Laufe der Jahre war er ein Pessimist geworden. Zu dem ersten „gemütlichen Abend im engsten Familienkreise“ erschienen die Herren Referendarien wohl, in der Folge aber blieben sie fort .....
Als Peter auf die Straße trat, flogen seine Gedanken zu einer anderen Begegnung, die er am frühen Vormittag auf dem Wege vom Bahnhofe gehabt hatte, und der Vergleich fiel nicht zugunsten von des Herrn Amtsgerichtsrats Töchterlein aus. Ein Paar rassige Trakehner streckten sich in schlankem Trabe, eine elegante junge Dame in rohseidenem Jackett mit Herrnschlips und Kragen führte auf dem Kutschersitze mit sicherer Hand die Zügel. Von dem Strohhütchen auf schwerem blonden Haar wehte ein kurzer blauer Schleier, grüßend neigte sich die Peitsche, und jetzt, da, ganz als wenn der heute über ihm stehende Glücksstern es besonders freundlich mit ihm meinte, wiederholte sich vor seinen sichtigen Augen die Erscheinung, mit der er sich in langenden Gedanken getragen hatte!
Aus einer Seitenstraße bog das Gefährt auf den Marktplatz, die Trakehner flogen dahin wie der Wind, und grüßend neigte sich wie am Vormittag die Peitsche neben einem Strohhütchen mit flatterndem Schleier.
Ganz unwillkürlich hatte er nach dem Hute gegriffen und sah dem davonrollenden Wagen nach, bis er im Staube verschwand, und wieder blickte die junge Dame auf dem Kutschersitze sich um .... Da trieb ihm das Blut rascher durch die Adern. Ein sehnsüchtig-beklommenes Gefühl erfüllte seine Brust, und eine Vorahnung stieg in ihm auf, daß diese beiden Begegnungen in seinem Leben noch mal eine Rolle spielen würden ....
Als Peter Brenitz ein paar Augenblicke später das Grand Hotel de Russie betrat, läutete die Glocke schon zum Mittagessen. Eilig begab er sich nach dem Speisezimmer, und da verstand er mit einem Male, was der rätselhafte Zusatz am Schlusse der Einladung des Herrn von Bergkem bedeutet hatte. Sein Gastgeber saß allein an dem einen Ende der langen Tafel, die in der Mitte des nüchternen Raumes stand, am anderen Ende aber eine Anzahl jüngerer Herren, die seinen höflichen Gruß mit eisiger Zurückhaltung erwiderten. Da blieb er neben seinem Stuhle stehen und kämpfte wacker gegen den wehen Kloß, der ihm plötzlich die Kehle zuschnürte. Auch hier in diesem freundlichen Städtchen, in dem ihm alles sonst so liebenswürdig entgegengekommen war, gab es anscheinend eine „Alania“, und um lächelnd über sie die Achseln zu zucken, war er noch immer zu jung .....
„Herr von Bergkem,“ sagte er, und die Stimme bebte ihm ein wenig, „ich danke herzlich für Ihre Einladung, die ich ohne Absicht gewissermaßen provoziert habe, aber ich möchte nicht die Veranlassung sein, Sie von Ihren bisherigen Freunden zu trennen!“ Nach diesen wohlgesetzten Worten wollte er sich mit einer gemessenen Verneigung zurückziehen, der lange Heino aber hielt ihn lachend am Aermel zurück und gab sich nicht die geringste Mühe, seine Stimme zu dämpfen.
„Aber nicht doch, lieber Herr Kollege. Wo wir beide sitzen, ist immer das vornehmere Ende. Wer sich davon ausschließt, hat die Folgen selbst zu tragen, aber alles auf der Welt endet schließlich friedlich und schiedlich. Wie oft bin ich zum Beispiel in Gedanken schon im Zweikampfe gestreckt worden, ehe es aber Ernst wird, verträgt man sich wieder, und, wie Sie sehen, lebe ich noch heute. Na, prost, Herr Kellmigkeit, darf ich mir einen Schluck aufs Spezielle gestatten? .... Ach so, wir haben noch keinen Stoff, also, Kalinski, los! Eine Buddel guten Schampus, aber kalt und ein bißchen plötzlich!“
Der Oberkellner verschwand mit hastigem Serviettenschwung, und ein am anderen Ende der Tafel sitzender Herr mit goldener Brille und bartlosem Gesicht verneigte sich gemessen: „Wenn ich Stoff habe, werde ich mich löffeln!“
Ganz beiläufig fügte Heino hinzu: „Nämlich unser verehrter Herr Vorsitzender, der nach glücklicher Beilegung eines unbeträchtlichen Zwistes zu meiner großen Freude den Präsidentensitz in unserer Tischgesellschaft Masovia wieder eingenommen hat! Na und nun erzählen Sie mal, Herr Kollege, wie sieht’s in Berlin aus? Haben Sie eine nette Reise gehabt? Es muß nicht ganz leicht gewesen sein, sich bis zu unserm geliebten Stradaunen durchzufinden!“
Peter erwiderte, es wäre ganz leidlich gegangen. Am liebsten aber hätte er seinem neuen Freunde und Beschützer die Hand geschüttelt, nicht zum wenigsten aus Bewunderung über die nonchalante Manier, mit der er die Herren vom anderen Ende der Tafel behandelte. Er unterließ es nur, weil es ihm unwürdig dünkte, vor der mit unverhohlener Neugier herüberspähenden Gegenpartei irgendwelche Gefühlsregungen zu zeigen. Aber das Herz wurde ihm dick in der Brust, und er wünschte nichts sehnlicher, als für den langen Heino auch einmal in die Bresche springen zu dürfen ...