Die Suppe wurde aufgetragen, die Spannung zwischen den beiden Tischenden verstärkte sich. Der Herr Provisor saß finster brütend da, drehte ein Brotkügelchen zwischen den Fingern und überlegte, wie er wohl die beabsichtigte Beleidigung der Gegenseite am witzigsten formulieren könnte, um den Beifall der Parteigenossen zu erringen und zugleich dem Grolle in seiner Brust Luft zu machen. Vor ein paar Stunden nämlich hatte ihn sein Chef in die Rezeptierkammer gerufen. Um schnödes Geld sollte er seine innerste Ueberzeugung verkaufen, nur weil sein Chef in kapitalistischer Verblendung eins der erhabensten Parteiprinzipien verleugnete? Gütlichem Zureden wäre er vielleicht zugänglich gewesen, aber der plumpen Drohung gegenüber verstockte sich sein Herz. Bei seinen Tischgenossen von der Masovia fand er einhellige Zustimmung, als er erklärte, ein aufrechter Mann in seiner Lage könne sich nur durch einen Eklat revanchieren. Nur über das Wie dieses Eklats war er sich trotz angestrengten Nachdenkens noch nicht klar geworden. Als aber Louis, der Stift, die von dem Freiherrn von Bergkem bestellte Flasche Champagner im Eiskühler hereinbrachte, kam ihm ein erleuchteter Gedanke. Er räusperte sich ein wenig, um die allgemeine Aufmerksamkeit auf seine Person zu lenken, und als in der Tischgesellschaft Stille eintrat, bestellte er sich in jüdelndem Tonfalle ebenfalls eine Flasche Sekt, wobei er den mit der Verteilung der Suppe beschäftigten Kalinski mit dem Titel „Herr von Oberkellnerleben“ anredete.
Heino von Bergkem sprang zornig auf, die blaue Ader auf seiner weißen Stirn war dick angeschwollen.
„Herr Provisor Kellmigkeit, ich habe nach einem fehlgeschlagenen Versuche zu gütlicher Einigung Ihnen und den anderen Herren vorhin erklärt, ich würde keine irgendwie geartete Kränkung meines Gastes dulden. Ich ersuche Sie also, sich auf der Stelle wegen Ihres unglaublich rohen Benehmens zu entschuldigen!“
„Niemals,“ schrie der andere heftig zurück, Peter Brenitz aber, dem bei dem Worte „Provisor“ die Erinnerung an eine Unterredung durch den Kopf schoß, die am frühen Vormittag zwischen ihm und dem Oberkellner stattgefunden hatte, zupfte den langen Heino am Rockschoße und deutete zugleich mit dem Zeigefinger in diskreter Weise nach der Stirn. Leider war aber diese gutgemeinte Bewegung auch von der Gegenseite bemerkt worden, Herr Kellmigkeit sprang auf und schnappte erst ein paarmal nach Luft, ehe er sich mit zornrotem Kopfe zu einer Erwiderung anschickte.
„Das ist infam,“ kreischte er auf, „eine ganz bodenlose jüdische Unverschämtheit!“ Warf seinen Stuhl zurück und wollte sich auf seinen ruhig dastehenden Gegner stürzen. Herr Popiella aber, den der laute Wortwechsel herbeigeführt hatte, umschlang ihn von hinten mit starkem Arm, drehte ihn in gewandter Ausführung eines oft geübten Griffes blitzschnell um die eigene Achse, und ehe Herr Kellmigkeit sich recht versah, war er draußen. Dort aber setzte Herr Popiella ihn auf einen Stuhl und hielt ihm eine kurze Ansprache. „Herr Provisor, ich schätz’ Sie sehr, und Sie sind mein angenehmer, lieber Gast seit vielen Jahren. Wenn Sie aber jetzt noch einen Ton reden, hau’ ich Ihnen eine ’runter, daß Sie glauben, Ostern und Pfingsten fällt auf einen Tag! Wir leben doch nicht in Rußland, sondern im zwanzigsten Jahrhundert!“ ...
Diesen, aus körperlichen und intellektuellen Argumenten zusammengesetzten Ausführungen gegenüber hielt Herr Kellmigkeit es am geratensten, zu schweigen, drinnen aber im Speisezimmer bemühte sich Herr Referendarius Meyer nach stattgehabter Vorstellung, die Rolle eines besonnenen Vermittlers zu spielen. Das Ganze wäre nichts weiter als ein bedauerliches Mißverständnis und bei einigem Entgegenkommen von beiden Seiten in kürzester Frist aus der Welt zu schaffen.
Peter Brenitz jedoch schüttelte den Kopf. Unter der jähen Beleidigung war er bleich geworden bis in die Lippen, jetzt aber stand er äußerlich ganz ruhig da, nur seine Nasenflügel bebten ein wenig, und in seinen Augen brannte ein seltsames Feuer.
„Ich bedaure! Wenn dieser Herr Provisor mit mir persönlich nicht verkehren will, so steht das in seinem freien Belieben. Nur wäre es vielleicht empfehlenswert gewesen, mit der Aeußerung seiner Willensmeinung zu warten, bis ich von meiner Seite seinen Verkehr gesucht hätte. Nichts aber gibt ihm das Recht, mich zu verunglimpfen, weil ich Jude bin. Ich müßte keine Selbstachtung besitzen, wenn ich mich nach einer solchen Beleidigung mit einer einfachen Abbitte begnügen würde.“
„Bravo,“ sagte der lange Heino, und weil ihn der Spotteufel plagte, fügte er hinzu: „Sie, Herr Kollege, sind schon zu lange Christ, um meinem Freunde Brenitz die Schwere dieser Beleidigung nachfühlen zu können!“
Darauf erklärte Herr Referendarius Meyer gekränkt, unter solchen Umständen müßte er auf eine Fortsetzung seiner Vermittlertätigkeit verzichten.