Die Angelegenheit nahm den üblichen Verlauf. Der Herr Provisor beauftragte den Steueramtsassistenten Annuschat, der als Vizefeldwebel der Reserve eine Autorität in allen die Ehre angehenden Fragen war, mit der „Wahrnehmung seiner Interessen“. Peter Brenitz betraute von seiner Seite aus den Herrn von Bergkem mit den gleichen Funktionen, die beiden Sekundanten aber vereinbarten in würdevoller Sitzung die Bedingungen des bevorstehenden Zweikampfes, dreimaligen Kugelwechsel aus gezogenen Pistolen bei fünf Schritten Barriere. Der lange Heino erklärte sich bereit, aus dem heimatlichen Gewehrschranke die benötigten Waffen zu stellen, und als er sich von dem Gegensekundanten verabschiedete, ließ er ganz beiläufig die Bemerkung fallen, wie sehr er’s bedauerte, daß die Herren von der Tischgesellschaft Masovia sich seinen gütlichen Vorstellungen nicht zugänglich gezeigt hätten. Herr Brenitz wäre, soviel er gehört hätte, ein ausgezeichneter Pistolenschütze, der sicherlich nicht vorbeischießen würde, und wenn er persönlich dem Herrn Provisor zwar einen gehörigen Denkzettel gönnte, so dauerten ihn dafür umsomehr die anderen Herren. Der unerquickliche Handel, der bei einem blutigen Ausgange des Zweikampfes unfehlbar zur Kenntnis der vorgesetzten Behörden kommen müßte, wäre durchaus nicht dazu angetan, fördernd auf die Karriere einzuwirken, denn man flöge dabei gar leicht in die Versenkung: als ein sonst ganz tüchtiger Beamter, der jedoch in schwierigen Situationen des nötigen Taktgefühls ermangelte!

Diese offensichtlich wohlgemeinte Bemerkung zeitigte zunächst die Folge, daß Herr Provisor Kellmigkeit sich am Nachmittag im Stadtwäldchen mit einem verrosteten Revolver „auf Pistolen einpaukte“, bis ihm der städtische Polizeiwachtmeister die Fortsetzung dieser gefährlichen Uebung untersagte. Die Herren Steueramtsassistenten aber sowie der Referendarius Meyer fanden mit einem Male, daß ihr sonst gewiß recht schätzenswerter Vorsitzender in diesem Falle einen bedauerlichen Mangel an Taktgefühl gezeigt hätte. Wo kühle Zurückhaltung allein am Platze gewesen wäre, hätte er einen plumpen und geschmacklosen Vorstoß inszeniert. Man diskutierte ernsthaft die Frage, ob es angängig wäre, ihn noch länger auf dem immerhin verantwortlichen Posten eines Präsidenten zu belassen, und stellte einstimmig fest, daß von ihm allein die erste Anregung zu dieser verhängnisvollen Demonstration ausgegangen wäre. Man selbst huldigte gar nicht so extremen Anschauungen, ein jeder vielmehr entsann sich plötzlich, unter den Juden auch recht anständige Kerle getroffen zu haben, und schließlich bezeugte man sich gegenseitig, auch in diesem Falle eine derartig korrekte Haltung bewahrt zu haben, daß man selbst bei einem tödlichen Ausgange des bevorstehenden Zweikampfes keine Maßregelung von seiten der vorgesetzten Behörde zu fürchten hätte.

Als der Herr Provisor sich am runden Tische des Grand Hotel de Russie zum gewohnten Abendschoppen einfand, stieß er zu seiner großen Ueberraschung auf verlegene und verfrorene Mienen. Seine Versicherung, er würde den „kleinen Judenknaben“ am nächsten Morgen mit einem tadellosen Blattschusse zur Strecke bringen, begegnete durchaus nicht der erwarteten freudigen Zustimmung, und gegen zehn Uhr fand unter nichtigem Vorwande ein allgemeiner Aufbruch statt. Nur der Steueramtsassistent Annuschat in seiner Eigenschaft als Sekundant und der trinkfeste Kreisarzt, den man notgedrungen ins Vertrauen hatte ziehen müssen, weil er bei dem bevorstehenden Zweikampfe als Paukdoktor fungieren sollte, blieben sitzen. Die Unterhaltung aber war wenig dazu angetan, den ohnedies schon nicht erheblichen Mut des Herrn Provisors zu steigern, denn der Kreisarzt verbreitete sich in längeren Ausführungen über Wundverletzungen im allgemeinen und Geschoßwirkungen im besonderen. Und er tadelte es heftig, daß bei Pistolenduellen nicht die verhältnismäßig humanen, modernen Hinterlader gebraucht würden, sondern die gänzlich veralteten „Vorderstopfer“, deren Projektile die unangenehme Eigenschaft besäßen, Teile der mit Milliarden von Bazillen infizierten Bekleidung in den Wundkanal zu reißen. Die Folge aber wäre bei leichten Verletzungen eine langwierige Eiterung, bei schwereren hingegen, trotz aller ärztlichen Kunst, ein exitus letalis, ein tödlicher Ausgang. Denn gegen eine Wundinfektion mit Tetanusbazillen z. B., den Erregern des so gefürchteten Starrkrampfes, besäße die moderne Medizin noch immer kein wirksames Mittel.

Der Herr Provisor lächelte dazu, trank aber einen Magenbittern nach dem andern, angeblich, um am andern Morgen eine ruhige Hand zu haben, in Wirklichkeit aber, weil die mit praktischen Beispielen aus der medizinischen Literatur belegten Schilderungen des Kreisarztes in ihm neben einem starken körperlichen Unbehagen eine seelische Zwangsvorstellung ausgelöst hatten. Er sah sich plötzlich mit einem gewaltigen Loche im Leibe am Boden liegen. Der Doktor aber beugte sich über ihn.

„Ja, mein lieber Herr Kellmigkeit, da ist nichts zu machen! Die verdammte Bleikugel hat Ihre halbe Hose in den Wundkanal hineingerissen. Wenn Sie in dieser Zeitlichkeit noch einiges zu ordnen haben, besorgen Sie’s ungesäumt. In drei Tagen sind Sie ein stiller Mann!“ ...

Da erhob er sich, wünschte den beiden Herren eine geruhsame Nacht und erklärte, er hätte vor der morgigen Entscheidung noch ein paar Kleinigkeiten zu erledigen. Einen Brief an die „alte Dame“, etliche noch immer unbezahlte Rechnungen aus seiner feucht-fröhlichen Studentenzeit und eine ganze Schublade voll Dokumente von zarter Hand, die ein Gentleman unmöglich indiskreten Augen aussetzen dürfte.

Dabei fuhr er sich mit vielsagendem Blicke durch die spärlichen Haare und schüttelte den Insassen des runden Tisches, die sich mittlerweile um die Person des „zufällig vorbeigekommenen“ Herrn von Bergkem vermehrt hatten, die Hand.

Dieser aber erwiderte den Händedruck mit besonderer Herzlichkeit, und seine Stimme klang leicht umflort, als er, unbeschadet natürlich seiner offiziellen Stellung als Sekundant der Gegenpartei, dem „Genossen froher Stunden“ den Rat erteilte, sich für alle Eventualitäten gerüstet zu halten. Dieser jüdische Referendarius wäre ein Teufelskerl, in allen Sportkünsten wohl erfahren und ein Schütze, vor dem man selbst als erfahrener Weidmann den Hut ziehen müßte. Vor seinen Augen hätte er mit einer Zimmerpistole ein Pik-As so zerschossen, daß das Mittelstück der Karte ein einziges Loch bildete, und nachdem er, Heino von Bergkem, sich zu seinem Bedauern davon überzeugt hätte, daß die alten Mensurpistolen seines Vaters ungefähr dieselbe Schaftlage besäßen wie die tägliche Uebungswaffe des Referendars Brenitz, sähe er dem kommenden Morgen mit einiger Besorgnis entgegen. Der Herr Provisor erwiderte darauf mit grünlichem Lächeln, im Ernstfalle pflegte doch die „Mensurpraxis“ zu entscheiden, die Ruhe und Besonnenheit des kampferprobten Fechters, und erzählte rasch noch zwischen Tür und Angel, wie er als Erster der „Pharmazeutia“ in Königsberg, einer farbentragenden Vereinigung studierender Apotheker, den Fechtwart der „Germania“ im Zweikampfe auf schwere Säbel „hinabgetan“ hätte. Der lange Heino versetzte darauf, eine heimtückische Kugel wäre doch etwas anderes als ein ehrlicher Säbelhieb, den man im Notfalle mit einer starken Schädeldecke parieren könnte, ohne Gefahr für Leib und Leben, und Herr Kellmigkeit empfahl sich mit der Bemerkung, was der kommende Tag auch bringen möge, er sei sich jedenfalls bewußt, für eine gerechte und tief im Nationalempfinden des deutschen Volkes wurzelnde Sache zu fechten. Er schloß mit einem Zitate, das ihm einmal in dem Feuilleton einer reichshauptstädtischen Zeitung gar mächtig imponiert hatte: „Qui vivra verra!“ Danach schlug er mit seinem Spazierstocke eine elegante Terz. Draußen aber auf dem nachtdunklen Marktplatze stimmte er mit lauter Stimme den uralten Schlachtgesang an, den die Füchse der „Pharmazeutia“ am frühen Morgen eines Mensurtages zu singen pflegten:

„Wir reiten still, wir rei-eten stumm,

Wir reiten ins Verderben! ...