Wie weht so kühl der Mo-orgenwind,

Frau Wirtin noch ein Gla-as geschwind,

Vorm Sterben ... vorm Sterben ...“

Der Nachtwächter gesellte sich zu ihm mit der besorgten Frage, ob er ihn über die gefährlichen Untiefen des Marktplatzes gegen Erlegung eines Trinkgeldes nach dem sicheren Hafen der Apotheke geleiten sollte, der Herr Provisor aber schluchzte in betrunkenem Elend auf: „Hol’ Sie der Teufel, kommen Sie lieber morgen zu meinem Begräbnis!“

Und während er in wehmütiger Stimmung dem roten Lichtlein zuschwankte, das zu Häupten eines goldenen Engels flackerte, führte der Schalksnarr Heino im Hotel de Russie mit dem Kreisarzte und dem Sekundanten allerhand tiefsinnige Gespräche über die letzten Fragen des Menschentums, Sterben und Vergehen, Auferstehung und Fortleben nach dem Tode, bis der schlaftrunken in einer Ecke lehnende Herr Kalinski erklärte, er könnte sich länger nicht mehr auf den Füßen halten, müßte unter allen Umständen „Kasse machen“.

Fahles Frühlicht drang durch die Scheiben und mischte sich mit dem Scheine der blakenden Petroleumlampe über dem runden Tische, draußen aber, in Dachrinnen und auf dem Eisengitter der kranzhaltenden Viktoria des Kriegerdenkmals lärmten mißtönend die Spatzen. Da stand der Herr von Bergkem auf und reckte gähnend die langen Arme in die von Zigarrenrauch geschwängerte Luft:

„Meine Herren, war’s heute nicht recht nett in unserem geliebten Stradaunen? Ordentlich großstädtisch ging es zu mit Automobilgehupe und dem Zusammenstoß feindlicher Weltanschauungen! Und was meinen Sie, Herr Doktor, wo werden wir die Leiche des Herrn Provisors Kellmigkeit waschen, wenn der Brave, von jetzt an gerechnet, in anderthalb Stunden als ein Opfer seiner Ueberzeugungen den Märtyrertod stirbt?“

Der Herr Steueramtsassistent Annuschat, der seit dem Mittag unter Alkohol stand, sah ihn verständnislos an. Der trunkfestere Kreisarzt aber erwiderte mit schwerer Zunge: „Scheußlich, ei ... einfach scheußlich! Früher wurde so ein K ... Kerl glatt verbrannt!“

„Ja,“ sagte der lange Heino, „das war entschieden gesünder! Aber der Herr Provisor gehört so vielen Vereinen an, daß ich mich der Hoffnung hingebe, er ist auch Mitglied des Bundes für Feuerbestattung. Guten Morgen, meine Herren!“

Der Kreisarzt wollte erwidern, daß er eigentlich den andern gemeint hätte, aber der Herr von Bergkem war schon draußen, schritt mit hochgeklapptem Rockkragen über den Marktplatz seiner Wohnung zu. Pfiff vergnügt vor sich hin, denn das war wieder einmal ein Tag nach seinem Herzen gewesen. All die Philister im Städtchen hatte er gehörig durcheinander gewirbelt, ihnen gezeigt, was für Hohlköpfe sie waren. Seinen Hauptwitz aber sparte er für den feierlichen Augenblick des Zweikampfes auf. Nicht so sehr aus übermütiger Lust an allerhand Fastnachtsstreichen, als aus mitleidigem Herzen. Da oben im ersten Stockwerke des Hotels de Russie saß ein netter kleiner Kerl am Schreibtische, ordnete Papiere und zimmerte an einem umfangreichen Testamente, weil er trotz allen freundlichen Zuredens der Ueberzeugung war, er müßte bei dem bevorstehenden Duelle sein junges Leben lassen. Der Teufel mochte wirklich wissen, wie der tückische Zufall sein Spiel trieb. Eine Bleikugel riß ein böses Loch, und gar manchmal schon war der Bessere gefallen. Also war es am geratensten, man schaltete den blinden Zufall aus und setzte sich selbst an die Stelle einer freundlich waltenden Vorsehung, die über Gerechte und Ungerechte die schützende Hand hielt: Man sorgte dafür, daß im entscheidenden Augenblicke die Pistolen nicht losgingen.