Und als er seine bescheidene Junggesellenwohnung im Hause des Kaufmannes Pollnow erreicht hatte, klopfte er mit hartem Knöchel an die Schlafzimmertür seiner Wirtin, einer ehrsamen Briefträgerwitwe:

„Frau Wengoborski, rasch, kochen Sie mir einen ordentlichen Kaffee! Ich will auf ’nen Rehbock. Dann aber pumpen Sie mir zwei dünne Nähnadeln!“

„Um Gottes willen nein, Herr Baron,“ erwiderte die Wirtin und erhob sich von ihrer Lagerstatt, „wollen Sie sich am End’ in aller Herrgottsfrühe Hosenknöpfe annähen?“

„Dieses nun weniger,“ sagte der lange Heino, „vielleicht aber einer alten Dame, die mit ihrer großen Schneiderschere gewohnheitsmäßig Fäden abschneidet, ein bißchen ins Handwerk pfuschen.“

Und in seinem Zimmer versenkte er sorgfältig die beiden Nadeln in die Pistons der Duellpistolen, brach sie ab und verwischte ebenso sorgfältig die Spuren seiner Tätigkeit mit einer Fingerspitze voll Staub, den er vom Ofensims holte. Als er sich aber durch mehrmaliges Abfeuern eines Kupferhütchens davon überzeugt hatte, daß die Zündkanäle der beiden Waffen gründlich verstopft waren, schmunzelte er stillvergnügt vor sich hin, denn er allein wußte jetzt, daß der bevorstehende „Zweikampf“ kein Opfer fordern würde. Um den einen wäre es schade gewesen, für den anderen aber war schließlich die ausgestandene Todesangst Strafe genug ...

Gegen fünf Uhr des Morgens setzte aus wolkenverhangenem Himmel ein dauerhafter Landregen ein, der Wald und Flur in einen trüben Schleier hüllte, und der lange Heino zog zur Vorsorge einen Gummimantel an, als er sich anschickte, seinen Paukanten mit dem Pistolenkasten unter dem Arm aus dem Hotel de Russie abzuholen. Peter Brenitz erwartete ihn schon auf der Freitreppe, bleich von der schlaflos verbrachten Nacht, aber leidlich gefaßt, und während sie sich begrüßten, konnten sie sehen, wie die Mitglieder der Tischgesellschaft Masovia sich von dem Portale der Kirche, die man wohl als allgemeinen Treffpunkt ausersehen hatte, nach dem nahen Stadtwalde in Bewegung setzten. Paarweise schritten sie unter aufgespannten Regenschirmen dahin, in dunkeln Ueberröcken und friedlichen Zylinderhüten.

Peter Brenitz hob mit trübem Lächeln die Hand.

„Da! Sieht’s nicht wie ein Leichenzug aus, der einem unsichtbaren Sarge folgt? Wem mag es wohl gelten? Mir oder dem andern?“

„Hm,“ sagte der Herr von Bergkem ernsthaft, „das möchte ich nicht so ohne weiteres entscheiden. Sie haben — das steht nun mal fest — für das nasse Wetter viel zu dünnes Schuhwerk an und werden sich bei dem Zweikampf bestimmt einen Schnupfen holen. Von da aber bis zu ’nem Begräbnis ist immer noch ein ganzes Ende!“ Und als Peter ein wenig gekränkt vor sich hin sah, fügte er hinzu: „Nichts für ungut, Herr Kollege, mir fehlt eben jede Anlage zum Pathos. Wo andere sich entrüsten oder begeistern, sehe ich fast immer die komische Seite. Sie aber grübeln zu viel, und trotzdem ich Sie erst ein paar Stunden kenne, möchte ich wetten, Sie haben noch nie in Ihrem Leben einen dummen Streich gemacht!“

Peter nickte. „Dazu hatte ich vielleicht keine Zeit. Aber wenn alle so dächten wie Sie, Herr Kollege, wo bliebe da der Fortschritt der Menschheit? Und wer keine Fähigkeit besitzt, sich für ein Ideal zu begeistern, muß doch rettungslos im Schlamme des Alltags ertrinken?!“