Der lange Heino zuckte mit den Achseln.

„Larifari, Fortschritt der Menschheit! Der kommt ganz von selbst, wenn jeder von uns ein tüchtiger Kerl ist und an dem Platze, an den ihn das Schicksal gestellt hat, seine Pflicht und Schuldigkeit tut. Aus der Summe der also geschaffenen Werte ergibt sich auch ein stetiger Fortschritt, denn es findet eine Mehrung unseres Kulturbesitzes statt. Was aber die Frage der Begeisterungsfähigkeit anlangt, so reden wir ein bißchen aneinander vorbei. Ich kann mich auch begeistern, freilich für andere Dinge in der Regel als die Mehrzahl unserer Zeitgenossen. Wenn bei politischen Parteiversammlungen zum Beispiel der Redner allen Andersdenkenden die „Maske der Heuchelei vom Gesichte reißt“ oder unter dem Beifallsgebrüll seiner Parteifreunde den schnöden Eigennutz der andern „geißelt“, muß ich immer lachen, denn ich sehe deutlich, daß — der Klempnermeister Pigulla meinetwegen — beim Bravoschreien nach dem Vorstandstische schielt, ob seine patriotische Begeisterung auch gebührend bemerkt wird. In den nächsten Tagen gelangen nämlich die Arbeiten am neuen Schulhause zur Vergebung! ... Wenn ich aber in der Zeitung lese, daß irgendwo im fernen Indien ein kleiner Doktor gestorben ist, weil er in Pesthöhlen einen neuen Bazillus zu greifen gedachte, sehen Sie, da läuft mir ein Schauer über den Rücken vor Begeisterung. Der kleine Doktor ist vielleicht auch nur in den Pesthöhlen herumgekrochen, weil er ein berühmter Mann werden wollte. Ist egal! Aber an seinem Platze war er ein ganzer Kerl und hat mehr für den „Fortschritt der Menschheit“ getan als alle, die mit geschwollenen Worten davon reden, schreiben oder predigen! ... Und vielleicht liegt auch auf einem ähnlichen Wege“, so fuhr er mit einem Gedankensprunge fort, „eine Lösung der Frage, die Ihnen ja am allermeisten am Herzen liegt. Seht nicht immer so viel zu uns hinüber, sondern nötigt uns durch besondere Leistungen Achtung ab. Vielleicht kommen wir dann ganz von selbst zu Euch!“

„Wie sollten wir wohl,“ warf Peter Brenitz bitter ein, „wenn uns die Mehrzahl aller Berufe verschlossen ist!! Nicht durch das Gesetz, aber durch ein Vorurteil, das stärker ist als alle Gesetze?!“

Der lange Heino lachte auf, und als der andere verwundert emporblickte, machte er eine entschuldigende Gebärde.

„Verzeihen Sie, ich bin kein berufsmäßiger Weltverbesserer, und eben fiel mir etwas Schnurriges ein. Als ich in unserer Kreisstadt Lyck die Schulbank drückte, hatten wir in der Untersekunda einen Juden namens Salomon. Ich gehörte auch nicht gerade zu den kleinsten, aber ich reichte ihm gerade bis zum Ohrläppchen, und der Kerl hatte Bärenkräfte, daß er uns am ausgestreckten Arm den Aufschwung machen ließ. Aus dieser Zeit stammen vielleicht meine ersten philosemitischen Regungen, denn der p. Salomon prügelte jeden Andersdenkenden windelweich.“

Da mußte Peter mitlachen und trug’s dem Herrn von Bergkem nicht nach, daß er Fragen, die ihm an das Innerste seines Wesens rührten, im oberflächlichen Plaudertone behandelte. Und von da an setzten sie ihren Weg schweigend fort. Der lange Heino überlegte, wie die bevorstehende Mensur wohl am besten mit einem möglichst zeremoniellen Brimborium zu umgeben wäre, und Peter sann darüber, daß er vor wenigen Tagen ein ähnliches Gespräch geführt hatte. Ein wenig verschieden in der äußeren Form, aber im Inhalt gleich. Und er nahm sich vor, bei dem Zweikampfe eine recht würdige Haltung zu bewahren, um sich die Achtung der Gegenpartei zu erringen. Im kritischen Augenblicke gedachte er natürlich in die Luft zu schießen, denn es verlangte ihn nicht nach dem Blute seines Gegners. Wenn er aber mit der Wunde in der Brust auf dem grünen Rasen lag, sollte sein letzter Gruß einer gelten, die ihn in diesen Stunden mehr als alles andere beschäftigt hatte. Blaue Augen hatte sie über einem feingeschnittenen Näschen, so viel er hatte erkennen können, und über blonden Haaren wehte ein kurzer blauer Schleier im Wind ... Gar zu gerne hätte er sich bei seinem Begleiter nach ihr erkundigt, aber er fürchtete die lachende Gegenfrage: „Nanu, Herr Kollege, Sie haben sich vor Ihrem seligen Ende doch nicht etwa rasch noch verliebt?“ ...

Die vorausziehende Gegenpartei hielt auf einer kleinen Lichtung, Peter blieb auf das Geheiß seines Sekundanten am Rande stehen, und der lange Heino näherte sich mit formellem Gruße der ein wenig ratlos in der Mitte haltenden Gruppe. Er zog den verregneten Hut:

„Wir von unserer Seite sind bereit!“

„Na schön,“ sagte der zum Unparteiischen erwählte Referendarius Meyer, „dann können wir ja anfangen!“

Danach aber entstand ein peinliches Schweigen, denn Herr Meyer hatte sich zwar am Abend vorher über seine Funktionen von der Autorität in Ehrenfragen, dem Steueramtsassistenten und Vizefeldwebel der Reserve Annuschat, informieren lassen, als es aber Ernst wurde, versagten seine mühsam erworbenen theoretischen Kenntnisse. Und weil er sich nicht anders zu helfen wußte, sagte er mit verlegenem Lächeln: