„Na, meine Herren! Sollen wir den Spaß noch einmal wiederholen oder wäre es vielleicht angebracht, jetzt zu einer restlosen Versöhnung zu schreiten? Ein zweites Paar Pistolen habe ich nicht zu versenden, und beide Paukanten haben ja gezeigt, daß sie zu ernsthaftem Austrag ihres Handels entschlossen waren!“ ...

Da übergab Herr Kellmigkeit als erster seine Waffe dem dicken Polizeiwachtmeister, schritt auf den Referendar Brenitz zu und zog mit würdevoller Verneigung den Hut. Jetzt ging’s ans Reden, und das lag ihm als geborenem Vereinspräsidenten besser als der Umgang mit Schußwaffen.

„Herr Brenitz, zu meinem Bedauern bin ich um die Ehre und das Vergnügen gekommen, mit einem ritterlichen Gegner die Waffen zu kreuzen, aber wie sagt der Lateiner? „Et in magnis voluisse sat est.“ Nehmen wir den Willen für die Tat und betrachten die Angelegenheit als erledigt. Ich revoziere meinerseits alle irgendwie beleidigenden Aeußerungen, strecke Ihnen die Hand zur Versöhnung entgegen und erwarte von Ihnen das gleiche!“

Peter war von dem plötzlichen Umschwunge der Ereignisse so benommen, daß er sich auf eine stumme Erwiderung des Händedruckes beschränkte. Der lange Heino aber warf in gemachter Begeisterung den Hut in die Luft, schrie mit gewaltiger Stimme: „Ein donnerndes Hoch unseren edelmütigen Herren Duellanten. Sie leben einmal hoch, noch ’mal hoch, und zum drittenmal hoch!“

Die Corona stimmte jubelnd ein, einschließlich des Polizeiwachtmeisters, der bei dem feierlichen Vorgange eine ähnliche Erhebung empfand wie bei festlichen Veranstaltungen des Kriegervereins, nur das fehlende Absingen der Nationalhymne störte ihn am Schlusse. Und alles atmete erleichtert auf, nicht zum mindesten die Herren Steuerbeflissenen, denn der unblutige Ausgang der „unerquicklichen Affäre“, wie sie Herr von Bergkem treffenderweise genannt hatte, bewahrte sie vor einer hochnotpeinlichen Untersuchung, ob sie im gegebenen Falle nicht des erforderlichen, für die Erreichung höherer Rangstufen unbedingt nötigen Taktgefühls ermangelten. Als daher Herr Popiella den Vorschlag machte, in Anbetracht des feuchten „Klimas“ auf den Schreck ein ordentliches Glas Grog zu setzen, fand er allseitige Zustimmung, und in schönster Harmonie wurde der Rückweg zum Städtchen angetreten. Nur die Zugfolge war ein wenig anders als auf dem ungemütlichen Hinwege.

Voran schritt der dicke Herr Polizeiwachtmeister mit einer großen Zigarre im Munde, flankiert von dem Baron von Bergkem und dem Besitzer des Grand Hotel de Russie, die ihm beide auseinandersetzten, das Ganze wäre doch eigentlich ein lustiger Streich gewesen, nicht wert, daß sich eine hohe Behörde darum echauffierte. Und der Herr Polizeiwachtmeister neigte als Privatmann ihrer Meinung zu, offiziell aber gedachte er den Widerstreit zwischen menschlicher Nachsicht und strenger Beamtenpflicht erst nach dem dritten Glase Grog im Sinne der Milde zu entscheiden. Einmal war er das seiner Würde schuldig, zum zweiten aber war der Polizist sozusagen doch auch ein Mensch. Wenn man ihn zu nachtschlafender Zeit in ein solches Hundewetter hinaustrieb, mußte man doch auch dafür sorgen, daß er an seiner Gesundheit keinen Schaden nahm ...

Den Beschluß des Zuges bildete der Herr Provisor mit seinem vormaligen Duellgegner. Der Zufall hatte es wohl gefügt, daß sie zusammenkamen, aber Herr Kellmigkeit nahm dankbar die Gelegenheit wahr, sich vor „zuständiger Stelle“ über seine Haltung gegenüber dem Antisemitismus im allgemeinen und dem Herrn Brenitz im besonderen auszusprechen.

Und da ergab es sich, daß er seinen vielbemängelten Antrag in der Tischgesellschaft Masovia lediglich aus prinzipiellen Gründen gestellt hätte, erst durch die „ewigen Witzeleien“ des Herrn von Bergkem hätte die Angelegenheit eine so persönliche Zuspitzung erfahren, wie denn dieser Herr überhaupt ein recht unbequemes Mitglied wäre, nur mit größter Vorsicht zu genießen.

Peter Brenitz hörte mit höflichem Schweigen und ohne Widerspruch zu, nur wollte es ihm scheinen, als wenn der Lauf der Verhandlungen in der Tischgesellschaft ein wenig anders gewesen wäre. Er akzeptierte dankend die Einladung, sich von nun an „voll und ganz“ als Mitglied zu fühlen, aber ein heißer Dankesblick flog zu dem an der Spitze des Zuges Schreitenden hinüber, der die anderen alle um Haupteslänge überragte. ...

An den ersten „Erwärmungsgrog“ im Hotel de Russie schloß sich auf Vorschlag des Herrn Popiella eine Versöhnungsbowle aus Türkenblut, einem Gemisch aus Porter, Sekt und Kognak, das abscheulich schmeckte, in hohem Grade aber die Eigenschaft besaß, Männerherzen fröhlich zu stimmen. Trinksprüche wurden gewechselt, und mit einem Male — der Polizeiwachtmeister war unter Obhut des Herrn Kalinski in das Bürgerzimmer abgeschoben worden — stand ein Würfelbecher auf dem Tische. Eine Tafel mit Zahlen wurde ausgebreitet, und Herr Referendarius Meyer übernahm zu einem „harmlosen kleinen Frühschoppenspielchen“ die Bank. Die Gesellschaft drängte sich zusammen, in die Augen trat ein Funkeln, und Silberstücke schoben sich auf die Tafel. Der Bankhalter schüttelte rasselnd den Becher ... „drei gewinnt, meine Herren,“ strich ein und zahlte aus. Peter wollte sich still entfernen, aber ein paar Hände griffen nach seinem Rock, „Halt, hiergeblieben! Und mitgefangen, mitgehangen!“ Da setzte er sich wieder hin. Das starke Getränk tat seine Wirkung, und er verspielte, was er bei sich trug. Der Referendarius Meyer aber mußte sich einen Suppenteller geben lassen, um seinen sich häufenden Gewinn zu bergen, und Peter sah wie durch einen Schleier, daß der lange Heino nach öfterem Verluste den Wirt oder den Oberkellner beiseite nahm, um mit heißem Gesichte weiter zu spielen. Da zog sich ihm das Herz zusammen, und ihm war zumute, als wäre auf ein liebes Bild ein häßlicher Fleck gefallen. — — — —