III.
Des langen Heino scherzhafte Prophezeiung war eingetroffen, Peter Brenitz hatte sich an dem regennassen Duellmorgen einen fürchterlichen Schnupfen geholt, und die Erkältung mit den bösen Nachwehen der ungewohnten Türkenblutbowle hielt ihn ein paar Tage lang ans Zimmer gefesselt. Aber er hatte sich nicht über Mangel an Gesellschaft zu beklagen, ab und zu erschien irgendein Mitglied der „Masovia“ bei ihm, um im Vorbeigehen einen Kognak zu trinken oder eine Zigarette zu rauchen. Auch der Herr Amtsgerichtsrat stellte sich ein, bedauerte herzlich, zugleich im Namen von Frau und Tochter, daß der geplante gemütliche Abend im engsten Familienkreise eine Verschiebung erfahren müßte. Bloß der lange Heino, nach dem er sich sehnte, erschien nur ein einziges Mal zu kurzer Stippvisite, erklärte, er wäre durch ein geradezu greuliches Erkenntnis über alle Gebühr in Anspruch genommen. Von seinen anderen Besuchern aber erfuhr Peter, daß diese Abhaltung in Wirklichkeit aus einer Frauenzimmergeschichte bestände, einem Verhältnis mit der bildhübschen Tochter des Posthalters Wykrasinski, das allgemach schon zu einem öffentlichen Stadtskandal auszuarten drohte. Auch sonst schienen die Herren von der Tischgesellschaft ihrem Mitgliede Bergkem wenig gewogen. Sie beklagten sich über seinen anmaßenden, herrischen Ton und wunderten sich, woher er die Mittel zu seinem ausschweifenden und kostspieligen Lebenswandel nähme. Herr Meyer z. B., der es genau wissen mußte, erklärte, an ihn allein hätte er an dem vergnügten Duellmorgen siebenhundert Mark verloren, dreihundert bar und den Rest auf Ehrenwort, aber der Himmel mochte wissen, wann diese Schuld eingelöst würde, denn das väterliche Gut steckte bis unter den Schornstein voll von Hypotheken, und die alte Frau Baronin hätte ihre liebe Not, nur die Zinsen herauszuwirtschaften.
Und Peter Brenitz hörte betrübten Herzens zu. Zum Widerspruche fehlte ihm jedes Recht, wenn er auch zu erraten vermeinte, woher diese Mißgunst der Kleinen stammte. Es verdroß ihn tief, daß sein neu gewonnener Freund ihn behandelte wie all die anderen, ihn mit einer leeren Ausflucht abspeiste, statt ihm Vertrauen zu schenken. Als aber der Lange am vierten Tage nachmittags unvermutet ins Zimmer trat: „Na, wie geht’s denn unserm Patienten? Und fühlt er sich kräftig genug, mit mir nach meiner Klitsche ’raus zu marschieren?“, da war aller Unmut verflogen. Peter stimmte freudig zu, nur ein Bedenken war dabei: Am Abend war er in die Familie des Herrn Amtsgerichtsrats geladen, um mit Fräulein Trudchen vierhändig Chopin zu spielen. Da lachte der lange Heino fröhlich auf: „Recht geschieht Ihnen, Herr Kollege. Weshalb sollen Sie es gerade besser haben als alle Referendare, die vor Ihnen in Stradaunen wirkten? Und mir paßt es ebenfalls ausgezeichnet. Ich habe einen guten Vorwand, mich rechtzeitig zu drücken. Also bestellen Sie Ihr Auto auf sieben Uhr nach Przygorowen, und wir fahren zusammen nach Hause.“
Sie schritten selbander zum Städtchen hinaus, am schilfumrahmten Ufer des Stradauner Sees entlang, über eine kahle Hügelkette, auf der zwischen groben Findlingssteinen dürftige Wacholderbüsche grünten, bis sie nach dem Gange im heißen Sonnenbrand der schattige Hochwald aufnahm. Und da faßte Peter sich nach einigem Zögern ein Herz, beklagte sich über die stattgefundene Vernachlässigung und den Mangel an Vertrauen. Alle anderen hätten den Grund seines Fernbleibens gekannt, ihn allein aber hätte er mit einem Vorwande abgefertigt. Der Herr von Bergkem hörte verdrossen zu, kaute an seinem kurzen blonden Schnurrbärtchen und ging eine ganze Weile lang schweigend neben ihm her. Als er aber zu sprechen anfing, klang es wie Groll in seiner Stimme.
„Die Bande! Hat sie’s richtig wieder einmal ausspioniert? Das arme Ding wird natürlich böse Tage kriegen! Was aber den Vorwurf angeht, ich hätte Sie vernachlässigt“ — über sein bewegliches Gesicht flog schon wieder ein fröhliches Leuchten — „ja, sagen Sie mal selbst, Herr Kollege, und versetzen Sie sich in meine Lage: Was würden Sie vorziehen? Mit gleichgestimmten Jünglingen Grog zu trinken und die soziale Frage zu lösen, oder ein Paar rote Mädchenlippen zu küssen, wenn sich Ihnen zu letzterem reichliche Gelegenheit bietet?“
Peter wurde rot und erwiderte fast heftig: „Ich halte das Weib überhaupt für eine inferiore Spezies, würde also nie in die Lage kommen, vor eine solche Wahl gestellt zu werden!“
„Ach nee!“
Der lange Heino blieb stehen und schlug belustigt die Hände zusammen.
„Ist das wirklich Ihr Ernst? Und Sie haben noch nie ein herziges, liebes Mädel im Arme gehabt, um mal zu vergessen, daß der Mensch nicht bloß zum Studieren und Büffeln auf der Welt ist?“
„Niemals,“ sagte Peter stolz, „ich würde mich schämen, meine Zeit mit solchen Nichtigkeiten zu vertrödeln! Und mich betrübt es tief, daß ein Mann von Ihren Fähigkeiten sich mit solchem kläglichen Firlefanz abgibt, statt all seine Kräfte der Aufgabe zu widmen, die ihm vom Schicksal gestellt ist. Sehen Sie, Herr von Bergkem,“ fuhr er mit steigender Begeisterung fort, „wenn ich an Ihrer Stelle wäre, würde ich mit Händen und Zähnen daran arbeiten, den von meinen Vätern ererbten Besitz wieder in die Höhe zu bringen, statt auf dem Gericht Aktenbogen zu füllen. Das können andere auch. Sie aber haben einen von der Vorsehung bestimmten Platz, und es müßte doch herrlich sein, wenn Sie ihn sich wiedereroberten und in zäher Arbeit zu dem machten, was er einstmals gewesen ist, ein stolzer Herrensitz?!“ ...