Der lange Heino stieß einen leisen Pfiff aus.
„Sieh mal an, über meine pekuniären Verhältnisse hat man Sie auch schon informiert?! Nun, es ist ja kein Wunder. Ich ärgere die Herrschaften zu meinem Vergnügen so oft an, daß sie sich zuweilen revanchieren! Ehe ich aber dazu übergehe, Ihren schätzenswerten Ratschlag zu beantworten, eine kurze Bemerkung, Herr Kollege: Wenn wir gute Freunde werden wollen, geben Sie die Versuche auf, mich zu einem, in Ihrem Sinne vielleicht höheren Wesen zu erziehen, ich bin reichlich erwachsen, brauche keine Kinderfrau mehr! Zur Sache selbst aber folgendes. Wenn Sie sich auf den Stradauner Kirchturm stellen und in die Runde blicken, gehörte einst alles, so weit Sie sehen, und noch etliches mehr den Bergkems. Mehr als drei Quadratmeilen Boden war in unserem Besitz, und als im siebzehnten Jahrhundert einer meiner Vorfahren die Letzte aus dem gräflichen Hause der Przygorowski heiratete, kam ein gewaltiges Ende Land dazu. Was ist davon übrig geblieben? Eine armselige Klitsche von knapp zweitausend Morgen, auf der sich schon mein Vater vom frühen Morgen bis in die sinkende Nacht abmarachte — er war ein vorzüglicher Landwirt, aber er hatte keine glückliche Hand. Wissen Sie, ich besinne mich zum Beispiel, daß uns in einem einzigen Sommer allein über dreißig Stück Rindvieh fielen — na ja, also, und da soll ich an eine so verlorene Sache meine Kraft setzen? ... Und wissen Sie, was ich am liebsten geworden wäre, wenn ich nicht meinem verstorbenen Vater zuliebe die juristische Karriere eingeschlagen hätte? Ein Abenteurer, wie mein erster Vorfahr, der unter dem Kreuz der Deutschordensritter mit Schwert und Spieß in dieses Land einritt, und ich bin gewiß, ich hätte draußen in der Welt meine Fortune gemacht. Als Goldgräber vielleicht in Alaska, als Schafzüchter meinetwegen in Australien oder als eins der ganz großen Börsenraubtiere, die der liebe Gott von Zeit zu Zeit zum Schrecken der Völker in die Welt setzt! Hier aber? Im günstigsten Falle werde ich — sagen wir mal - in Lyck oder Allenstein ein gesuchter Rechtsanwalt, nähre mich von der Prozeßsucht der Bauern, mache den Herren vom Amts- und Landgericht das Leben schwer und verdiene im Jahre, hoch gerechnet, zwanzigtausend Mark!“
Er schlug mit dem Stocke einen sausenden Lufthieb und blickte ingrimmig zu dem Stückchen Himmel empor, das über dem schmalen Wege zwischen eng nebeneinander stehenden Tannenwipfeln blaute ...
„So sieht in Wirklichkeit der Platz aus, den mir die Vorsehung angewiesen hat, um Ihre Worte zu zitieren, lieber Brenitz. Aber begeistert bin ich gerade nicht, wenn ich an ihn denke!“ ...
Peter erwiderte darauf, weil ihm im Augenblick nichts Besseres einfiel, man brauchte auch im bescheidenen Wirkungskreise nicht auf seine Ideale zu verzichten, könnte in den Mußestunden der beruflichen Arbeit an irgendeinem, über die Alltagsinteressen hinaushebenden Werke schaffen, der lange Heino unterbrach ihn aber mit einer beinahe zornigen Bewegung.
„Unsinn, die Kleinstadt drückt. Ich habe schon heute mich zu wehren, daß ich nicht zum Philister werde, wie all die übrigen! Oder, wie einer, der alle Höhen und Tiefen des Menschentums kannte, es besser ausgedrückt hat, „im engen Kreise verengert sich der Sinn!“ Heulen könnte man vor Wut, wenn man daran denkt, daß man verkommen und versauern muß, weil ... weil ... na, ist gut!“
Er brach ab, denn eigentlich hatte er sagen wollen, „weil einem die Mittel fehlen, frei nach seinen Neigungen zu leben!“ Und das Wort mochte er nicht aussprechen, denn es hätte sich vielleicht ausgenommen, als wollte er dem andern an den wohlgefüllten Geldbeutel klopfen. Gleich danach aber lachte er wieder fröhlich auf und wirbelte seinen derben Eichenstock durch die Luft: „Das sind so die galligen Anschauungen, gut für Regenwetter und ähnliches Ungemach! In Wirklichkeit aber — ich kann mir nicht helfen — ist mir öfter zumute, als hätte der liebe Gott noch irgendwo für mich eine Extrawurst im Sack. Und wollen Sie wissen, worauf sich diese Hoffnung gründet? Auf ein Märchen aus der Kinderzeit!“
Peter blickte ein wenig verwundert auf.
„Auf ein Märchen?“
„Ja,“ nickte der andere, „und vielleicht schadet es Ihnen nichts, wenn Sie’s hören: es steckt immerhin eine kleine Nutzanwendung darin ... Meine alte polnische Amme hat es mir erzählt, und aus frühen Kindertagen ist’s mir haften geblieben.“