„Also: ein ehrsamer Müller hatte zwei Söhne. Der eine sang und sprang den ganzen Tag, dem andern aber war der schwere Mühlstein auf den Fuß gefallen. Er bewegte sich nur mühselig vorwärts und mußte immer darüber grübeln, weshalb ihm dieses Unglück geschehen wäre. Darüber aber sah er nicht, daß im Frühling die Bäume Blüten trugen und im Sommer Früchte, er wurde ein griesgrämiger Gesell, und als der Vater seine Söhne eines Tages anblickte, nannte er den einen „Leichtfuß“, den andern aber „Stein am Bein“, und diese Namen behielten sie, so daß sich niemand erinnern konnte, wie sie in Wirklichkeit geheißen hatten. So lebten sie dahin, jeder nach seiner Art. Als sie aber zwanzig Jahre alt geworden waren, berief sie ihr Vater vor sein Angesicht.

„Ihr seid jetzt groß und erwachsen, meine Mühle aber ist viel zu klein, um Euch ferner zu ernähren. Zieht in die weite Welt hinaus, sehet zu, Euer Glück zu machen, und Gottes Segen sei mit Euch!“

„Schön,“ sagte der Leichtfuß, „mit diesem guten Wunsche kann es uns nicht fehlen,“ packte sein Ränzel und war marschbereit. Stein am Bein aber mußte erst bedenken, was alles auf eine so lange Reise mitzunehmen wäre, und viel Kopfzerbrechens machte es ihm, den Weg in die weite Welt zu finden. Bis eine alte Muhme ihm erklärte, die weite Welt finge dort an, wo das Elternhaus aufhörte. Da wunderte er sich, daß der Weg so einfach wäre, und am dritten Tage nach dem Geheiß des Vaters wanderten sie fort.

„Als es gegen Abend ging, kamen sie an ein fremdes Königreich, zwei Wächter hielten eine Schnur über die Straße gespannt und sprachen, niemand dürfte die Grenze überschreiten, ehe er nicht zuvor ein Rätsel gelöst hätte. Dieses Rätsel aber lautete: „Was ist so hoch wie der Himmel und so tief wie das Meer?“ Wenn man es löste, durfte man das Königreich betreten, erhielt eine reichliche Wegzehrung ausbezahlt, im anderen Falle aber mußte man das Leben lassen. Ein Henker im roten Wams mit breitem Schwerte stand bereit, um alle Ankömmlinge, die das Rätsel nicht lösten, um eines Hauptes Länge kürzer zu machen, die meisten aber machten vorher kehrt, denn es dünkte sie unbillig, so harten Zoll zu zahlen.

„Stein am Bein ließ sich die Fassung des Rätsels wiederholen, setzte sich in den Grabenrand und begann zu grübeln. Bruder Leichtfuß aber tat so, als wenn er sich die schöne Gegend ansehen wollte, und als ihn ein Gebüsch vor den Augen der Wächter deckte, schwang er sich behend über den Grenzgraben, der an dieser Stelle nicht mehr als sieben Schuh maß. Am dritten Tage traf er seinen Bruder, und diese Begegnung war nur einem glücklichen Zufall zu danken, denn Stein am Bein hätte vielleicht noch ein Jahr am Grabenrand gesessen, wenn ihm ein mitleidiger Rabe nicht des Rätsels Lösung verraten hätte. „Was ist so hoch wie der Himmel und so tief wie das Meer?“ ... „Das Meer und der Himmel, denn nichts auf der Welt ist tiefer oder höher!“ Stein am Bein hatte diese Deutung schon in der ersten Stunde gefunden, aber sie erschien ihm zu einfach, um damit die Grenze eines fremden Königreiches zu überschreiten, und erst von dem weisen Vogel mußte er lernen, daß das Schwerste oft das Einfachste war.

„Nach einiger Frist kamen sie an die Hauptstadt des Landes, aber es war kein vergnüglicher Einzug, denn die Bewohner waren traurig und ließen die Köpfe hängen. Es bedrückte sie, daß die Königstochter an einer unheilbaren Krankheit litt. Viele Aerzte hatten sich schon an ihr versucht, aber keiner hatte das rechte Mittel gefunden. Und von dem betrübten Vater war eine hohe Belohnung ausgeschrieben worden, wenn einer sein Kind wieder gesund machte.

„Heißa,“ sagte Bruder Leichtfuß und sprang in die Luft, „mein Glück ist gemacht. Diese Belohnung werde ich mir verdienen!“

„Du Tropf,“ erwiderte darauf Stein am Bein, „bist Du vielleicht ein Arzt? Oder kennst Du die Natur dieser bösen Krankheit?“

„Nein,“ sagte Leichtfuß, „aber im Palast werden wir alles hören. Wenn ich kein Heilmittel weiß, bin ich noch immer so reich wie zuvor und ziehe meines Weges weiter!“

„Sie kamen in den Palast, und alles war mit Gold und Edelsteinen bedeckt von oben bis unten, nur den Untertanen war es bei Todesstrafe verboten, etwas abzubrechen. Der König saß auf seinem Thron aus Marmelstein, Tränen rannen ihm in den Bart, die Großen des Hofes aber schrien und wehklagten laut, denn ihr Amt bringt es mit sich, daß sie in allem königlicher sind als der König. Wenn ihr Herr weint, müssen sie schreien, wenn er aber lächelt, sich vor ausgelassener Freude am Boden wälzen.