„Neben dem König saß seine einzige Tochter, eine wunderschöne Prinzessin in edelsteingesticktem Gewande, aber ihre Augen schienen erloschen, und ihr Gesicht glich einem Bild aus Stein!
„Leichtfuß und sein Bruder warfen sich vor dem Throne nieder, der König aber putzte sich den Bart und sprach: „Heil Euch, Fremdlingen, wenn Ihr meiner Tochter Genesung bringt, sie leidet an einer Verstopfung der Leber und kann nicht lachen. Mein eigenes Herz aber ist darüber so betrübt geworden, daß ich meiner Krone nicht mehr froh bin: Kurz und gut, der soll mein Eidam und Nachfolger werden, der die Prinzessin von ihrem Leiden befreit.“
Da erhob sich Stein am Bein als erster.
„Herr König, ich bin kein Arzt, denn mein Vater war zu arm, mich an die Stätten der Bildung zu schicken. Wenn Du mir aber Frist gibst, will ich drei Jahre lang die Erkrankungen der Leber studieren, vielleicht daß ich einen Umschlag erfinde, der die Verstopfung löst und den Weg zum Lachen wieder frei macht!“
Der König wiegte sein Haupt, der Vorschlag schien ihm erwägenswert, denn seine Leibärzte hatten schon Unsinnigeres geraten. Bruder Leichtfuß aber lachte plötzlich laut auf. Ihn dünkte es schnurrig, daß eine Prinzessin, die doch alles haben konnte, was Menschenherzen begehrten, traurig sein sollte. Von goldenen Tellern durfte sie essen, was sie sich nur wünschte, Eier mit Speck, Bratwürste in Bier, ein Spansäulein mit Aepfeln und Beifuß gefüllt oder gar einen leckern Gänsebraten, und bei jedem Gerichte, das ihm einfiel, mußte er nur immer lauter und fröhlicher lachen, denn alle waren seine Leibspeisen. Die hohen Herren des Hofes wurden angesteckt, blickten jedoch unschlüssig drein, weil der König noch nicht seine Willensmeinung dem Fremdlinge gegenüber kund getan hatte. Da aber geschah ein Wunder. Ueber die starren Züge der Prinzessin lief ein Beben und Zucken, plötzlich kräuselten sich ihre Lippen, und mit einem Male lachte sie hell auf, daß es im ganzen Palaste klang wie von silbernen Glocken. Da lachte auch der König, daß sein Thronsessel wackelte. Die hohen Herren des Hofes aber warfen sich auf dieses Zeichen zu Boden, kugelten sich umeinander und strampelten mit den Beinen in der Luft. Und der König stieg die Stufen hinab, hielt sich den Bauch und sprach: „Sei mir gegrüßt, mein Eidam, Du hast mein Reich aus schwerer Not errettet!“ Da er aber kein Freund von langem Warten war, winkte er dem Hofprediger, damit er auf der Stelle die Trauung vornähme, und so wurde der Leichtfuß ein Königssohn. Stein am Bein aber grübelte noch lange darüber, wie die Prinzessin lachen konnte, ehe die Verstopfung ihrer Leber gelöst war, weil er jedoch durch die Heirat seines Bruders ein naher Verwandter der königlichen Familie geworden war, fand sich für ihn ein einträgliches Amt, und wenn er nicht gestorben ist, lebt er noch heute!“
„Nun, und die Nutzanwendung?“ fragte Peter Brenitz.
„Die Nutzanwendung?“ Der lange Heino reckte die Arme in die Luft. „Vielleicht finde ich auch mal eine Prinzessin mit verstopfter Leber, die von mir das Lachen lernt!“ Und mit einem Seitenblicke auf seinen Begleiter fügte er hinzu: „Aber auch andere Leute könnten aus dem Märchen lernen, daß es nicht gut ist, sich das Leben unnütz schwerer zu machen, als es schon ist. Wir alle schließlich tragen von unsern Vorfahren her irgendeinen Stein am Bein, aber — in drei Deuwels Namen — muß man denn jeden Augenblick daran denken?!“ ...
Er kappte im Vorübergehen den Stengel einer blauen Glockenblume, die am Wegrand blühte, Peter Brenitz aber seufzte auf. Wie gerne wollte er seinen Stein vergessen, wenn nur die anderen nicht gewesen wären, die sich immer an ihm stießen ...
Der Weg führte ins Freie, hinter den lichter werdenden Stämmen des Hochwaldes tat sich eine flache Feldmark auf. Schlecht stehender Roggen mit kurzen Aehren, fahl schimmernde Wiesen und Kartoffelbreiten, in denen die graue Ackerkrume durch das spärlich gewachsene Kraut sah.
Heino von Bergkem war stehen geblieben und deutete unmutig auf die kümmerlich bestandenen Felder.