„Da, sehen Sie her, Herr Kollege Brenitz, hier fängt Przygorowen an, der Platz, auf den mich Ihrer Meinung nach die Vorsehung gestellt hat! Und jetzt urteilen Sie, bitte, selbst, ob es verlohnt, daran ein Lebenswerk zu setzen! Mit gutem Willen und schönen Redensarten ist da nichts getan, solides Knochenmehl gehört in den Sand, Thomasschlacke und Superphosphat, und wenn’s mal einen Sommer nicht regnet, sieht’s auf den Feldern auch nicht viel anders aus als heute. Verkaufen ist das einzige, wenn sich nämlich ein Dummer findet. Glauben Sie ja nicht, daß ich kein Heimatsgefühl besitze, wenn ich so daherrede. Das Herz dreht sich mir im Leibe um, wenn ich daran denke, daß auf dem letzten Reste Bergkemscher Erde mal ein Fremder sitzen soll, aber was ist da zu machen?! Meine hochgeehrten Herren Vorfahren hätten weniger großspurig leben sollen, vielleicht daß für den letzten ihres Namens auf der Heimaterde Platz gewesen wäre! Aber wollen Sie wissen, was früher hier für eine Wirtschaft herrschte? Mein hochseliger Herr Urgroßvater, der so um das Jahr 1820 herum lebte, langweilte sich eines Tages und da ließ er anspannen, fuhr vierelang auf ein paar Wochen nach Paris. Fünfundachtzigtausend Reichstaler auf den Kopf betrugen die Kosten dieses Ausfluges, und in der Familienchronik findet sich eine eigenhändige Eintragung meines Herrn Urgroßpapas, das Kostspieligste wären die „Courtisanen“ gewesen, denn die „Ausverschämtheit dieser Personnagen hätte keine Gränzen gekannt.“ Mir kann es wohl niemand verdenken, daß ich diese Stelle meiner Familiengeschichte stets mit geteilten Empfindungen lese. Ich gönne meinem hochseligen Herrn Urgroßvater von Herzen das gehabte Amüsement, aber wenn er und außer ihm noch etliche andere es billiger getan hätten, müßte ich nicht wie ein Pracher auf einem Stück Heimaterde herumlaufen, wo die Bergkems mal wie Könige herrschten. Na, ist gut, reden wir nicht mehr davon!“

Er brach ab und sah mit schwimmenden Augen nach einem grauen Turme hinüber, der zwischen dunkeln Lindenwipfeln als ein Wahrzeichen seines alten Geschlechtes in die Lande ragte. Peter Brenitz aber überlegte in überströmendem Freundschaftsgefühle, wie da wohl zu helfen wäre. Und es hätte ein sehr einfaches Mittel gegeben, er brauchte nur einen groben Scheck auszuschreiben auf Samuel Brenitz sel. Witwe Söhne in Berlin, um hier dem Freunde eine klare Lebensbahn zu schaffen. Aber er traute sich mit diesem praktischen Vorschlage nicht hervor, denn er fürchtete eine schroffe Zurückweisung. Sein gutgemeinter Rat, über nichtigen Tändeleien nicht die Ziele eines hochgesinnten Strebens zu vergessen, war schon übel aufgenommen worden. Wie also sollte er für diese neue Aufdringlichkeit wohl die rechten Worte finden?! ...

Der scharfe Knall eines Büchsenschusses fiel reißend in die Stille des warmen Sommertages. Der lange Heino hob mit gespanntem Ausdrucke den schmalen Kopf:

„Nanu, was ist denn das, jetzt um diese Zeit? Und sie wird doch nicht etwa?“ ... Zur Erklärung aber fügte er hinzu: „Nämlich wir haben hier unter einer Anzahl guter Böcke einen einzigen, wirklichen Kapitalen, einen Kerl, der ein geradezu klotziges Gehörn aufhat. Schon ein dutzendmal bin ich auf ihn ausgewesen, ohne ihn vor die Büchse zu kriegen, denn er ist über die Maßen heimlich und schlau. Und da hat meine Schwester mit mir gewettet, sie würde ihn vor meinem nächsten Besuche auf die Decke legen. Zu lächerlich eigentlich so eine Frechheit von dem kleinen Frauenzimmer, manchmal aber findet auch ein blindes Hühnchen ein Korn ...“

Er kam nicht zu Ende, denn vom Felde her erklang eine helle Mädchenstimme:

„Tallihoh, Heino, er liegt! Und wenn Du ein braves Gehörn sehen willst, komm hierher!“

Hinter wogenden Kornähren reckte sich ein hochgehobener Büchsenlauf in die Luft, und der Herr von Bergkem schwang sich in weitem Satze über den Straßengraben, rannte querfeldein durch Hafer und Kartoffelbreiten. Peter folgte ihm, ein wenig verwundert und in gemächlichem Tempo: Wie konnte man um ein im letzten Grunde so unbeträchtliches Ereignis wie die Erlegung eines Rehbockes so in Eifer und Hitze geraten?!

Auf einem schmalen Wiesenraine neben einem Roggenschlag lag das gefällte Stück Wild, daneben aber stand ein schlank gewachsenes junges Mädchen in strapaziertem Lodenkleid, das Gewehr unter dem rechten Arm. Frei hob sich aus den Schultern ein herrlicher Kopf, die blauen Augen über dem feingeschnittenen Näschen blitzten, und jeder Nerv an dem jugendlich-blühenden Körper bebte vor Erregung nach der glücklich vollbrachten Weidmannstat.

Peter Brenitz blieb stehen, seine Augen weiteten sich, denn er erkannte in dem jungen Mädchen die Dame wieder, die ihm am ersten Tage auf dem Wege vom Bahnhof begegnet war, und der in heimlicher Sehnsucht sein letzter Gruß hatte gelten sollen ... Sie streckte ihm mit fröhlichem Auflachen die Hand entgegen: „Tag, Herr Brenitz. Wir sind ja eigentlich schon uralte Bekannte ...“

Da zog er mit verlegenem Gesichte den Hut, verneigte sich förmlich, und ihm war es, als empfinge er mitten gegen die Brust einen schweren Schlag. So jäh sprang ihn die Leidenschaft an für das holdselige Geschöpf, daß er fast einen körperlichen Schmerz verspürte ...