Der lange Heino blickte empor. „So, Ihr kennt Euch schon? Na, um so besser! Zur näheren Information aber, das kleine Scheusal da heißt Brigitte!“
Und er wandte sich wieder dem Bocke zu, dessen Gehörn er einer sachverständigen Prüfung unterzog. Nicht ohne einen gewissen Neid, denn er erklärte es für eine wahre Schande, daß ein so kapitaler Kerl sich von einem dummen kleinen Mädel hätte strecken lassen.
Brigitte aber widersprach lachend, erzählte voll Stolz und Eifer eine lange Geschichte, wie es ihr nach unsäglichen Mühen gelungen wäre, den Schlauen und über alle Maßen Vorsichtigen auf die Decke zu legen. Auf eine der hohen Tannen am Waldrand hatte sie klettern müssen, um mit dem Glase seinen Standplatz auszukundschaften, mitten in einem breiten Roggenschlag, den er nur zur Nachtzeit verließ, um sich auf der nahen Wiese satt zu äsen. „Und da war er natürlich geliefert,“ schloß sie mit leuchtenden Augen, „ich ging unter Wind geradenwegs auf ihn zu, scheuchte ihn mit lautem Zuruf hoch, als er mich verwundert anäugte, und wie er in langen Fluchten absprang, kriegte er die Kugel mitten aufs Blatt. Vorbeischießen gibt’s bei mir ja nicht so leicht, aber die Aufregung gönn’ ich keinem Hund, wie ich mit dem Finger an den Drücker ging ... na schön, es hat gefleckt und da liegt er!“
Sie wies triumphierend auf einen kreisrunden kleinen Fleck über einem der Vorderläufe des Rehbockes, aus dem ein paar purpurne Schweißtropfen über die rötlich-fahle Decke rieselten. Peter aber stand dabei und lauschte andächtig. Von den jagdlichen Auseinandersetzungen verstand er wenig, er hörte nur die wohllautende Stimme, sah die bei aller Lebhaftigkeit anmutigen Bewegungen, und in seinem Herzen regten sich allerhand unklare Wünsche und Träume ...
Heino hatte von einem niedrigen Erlenbusch am Wiesenrand einen kurzen Zweig gebrochen, zog ihn durch die Todeswunde des Bockes, so daß sich die grünen Blätter rötlich färbten, und überreichte ihn in feierlicher Haltung der Schwester.
„Weidmannsheil zum ersten Kapitalen!“
„Weidmannsdank,“ sagte sie stolz und schüttelte ihm mit einem Aufleuchten in den blauen Augen die Hand. Auch Peter bekam einen gnädigen Händedruck gespendet, und ein Schauer rieselte ihm durch die Nerven, als die warme kleine Hand einen Augenblick lang zwischen seinen scheu zufassenden Fingern ruhte ..
Der lange Heino packte den Bock am Gehörn, schleifte ihn hinter sich her, und sie gingen zu dritt einen schmalen Fußpfad entlang, der mitten durch die Felder nach dem Schlosse führte, einem weitgestreckten Bau mit ragendem Wartturme hinter grünen Lindenwipfeln.
Brigitte schritt voran, von Zeit zu Zeit streifte sie mit ihrer schlanken Hand durch die wogenden Kornähren ... blonde Locken ringelten sich über einem stolz getragenen Nacken, und wenn sie sich im Plaudern halb rückwärts wandte, schimmerte es auf ihrer leicht gebräunten Wange wie über der Haut eines reifenden Pfirsichs ...
Peter Brenitz folgte ihr wie im Rausche, sein Mund sprach gleichgültige Worte, in seinem Herzen aber war ein einziges Klingen und Singen. Von Zeit zu Zeit hielt er den Atem an, denn ihm war zumute, als müßte die Voranschreitende es vernehmen. Vor kurzem hatte er noch gelästert, unwürdig wäre es ihm erschienen, ein auf alles Ideale gerichtetes Streben mit läppischen Tändeleien zu verzetteln, jetzt aber vollzog sich an ihm ein Wunder, wie an einem Blinden, der plötzlich sehend wird ... Und mit einem gewissen Stolze erfüllte es ihn, daß er all seine Reinheit und Keuschheit aufgespart hatte bis zum heutigen Tag, denn noch niemals in seinem jungen Leben hatte ihm ein weibliches Wesen den Sinn beschwert ...