Auf der Freitreppe empfing sie die Mutter der beiden Geschwister, eine freundlich blickende Dame mit vorzeitig gebleichtem Scheitel und einem leidenden Zuge in dem sanften Gesichte. Und gleich nach der ersten Begrüßung führte sie ihren Gast in die weite Halle, die den langgestreckten Bau in zwei Hälften teilte. Sie hob die feine Hand mit dem Witwenring und deutete nach einem Bild in schwerem Eichenrahmen, das einen hochgewachsenen Offizier darstellte, in der Uniform des zweiten Garderegiments, auf der Brust das eiserne Kreuz.
„Der da, mein lieber Herr Brenitz, hat Ihnen hier einen ganz besonderen Empfang bereitet. Seien Sie in seinem Namen willkommen, und fühlen Sie sich bei uns zu Hause!“
Ihm aber wurden die Augen feucht, kaum daß er einen kurzen Dank stammeln konnte. Er neigte sich über die zarte Frauenhand, die sich ihm entgegenstreckte, und ihm war zumute, als müßte er „Mutter“ sagen ...
Zum Kaffee, den sie auf der Parkveranda einnahmen, mit dem Blicke auf weite Rasenflächen und dunkelgrüne Tannenhecken, erschien Brigitte in einem einfachen hellblauen Kleidchen, das Hals und Arme freiließ. Die kühne Jägerin hatte sich in das Haustöchterchen gewandelt. Sie reichte den Kuchen herum, schenkte die goldgerandeten alten Tassen voll und nötigte nach gut ostpreußischer Sitte zum reichlichen Zulangen. Peter mußte von seinem Elternhause erzählen, von der frühverstorbenen Mutter, die er kaum gekannt hatte, und von dem über alles geliebten Vater, der ihn von klein auf als einen Kameraden behandelte, an allem teilnehmen ließ, was ihm selbst das Herz bewegte. Von den Reisen erzählte er, die sie in den Ferien ausgeführt hatten, und wie sein Vater mit ihm gewissermaßen eine zweite Jugend durchlebte; die Aufgaben mitlernte, und, wenn es nicht gegen alles Herkommen gewesen wäre, am liebsten auch neben ihm die Schulbank gedrückt hätte. Wie in einer Vorahnung, daß ihm ein langes Zusammenleben mit seinem einzigen Jungen vom Schicksal nicht mehr vergönnt wäre ... Mitten im eifrigen Studium zum Abiturientenexamen raffte ihn eine hitzige Lungenentzündung fort, während sie beide schon hofften, daß der schlimmste Vorstoß der Krankheit überwunden wäre. Ganz leicht und froh fühlte er sich, sprach von seiner stolzesten Jugenderinnerung, dem glorreichen Sturme auf St. Privat, und weil in kurzer Frist der Tag sich wieder jährte, plante er eine Reise nach den blutgetränkten Feldern, auf denen das neue Deutsche Reich gewachsen war. Das neue Reich, das einstmals kommen mußte, und in dem es weder Haß noch Zwietracht gab ... Und mitten im fröhlichen Planen winkte ihm der Tod mit milder Hand, löschte ganz leicht und sanft ein Leben aus, das so rein gewesen war wie ein kristallklarer Bach und so hoffnungsfroh wie eine im Blütenschmuck prangende Flur ...
An dem runden Tische auf der Parkveranda war es still geworden. Die Dame mit dem weißen Scheitel weinte leise vor sich hin, der lange Heino sah ins Leere, und an den blonden Wimpern von Brigittes schönen Augen zitterte eine Träne ... Zwischen den dreien aber und dem Gaste wob sich ein Band der Sympathie, denn auch sie trauerten um einen, der ihren Herzen unvergeßlich war ... um einen, der in seiner Art ein echter Edelmann gewesen war, einen Aufrechten, der seinen eigenen Weg ging, wenn auch die Zeit um ihn sich gewandelt hatte. In dem Herzen des Gastes aber regte sich ein unsägliches Glücksgefühl. Er glaubte endlich die Stätte gefunden zu haben, von der der Vater immer geträumt hatte, die Stätte, an der niemand fragte, wer bist du und wo kommst du her, sondern was bist du wert? Und über ihr schwebten freundliche Geister, segneten den kommenden Bund, der sich leise zwischen den Nachkommen entspann. — — —
Am Spätnachmittag erschienen Gäste zu freund-nachbarlichem Besuche, die Gräfin Hellingen aus Hellingenau mit Sohn und Tochter, eine schier überlebensgroße Familie, die sich ausnahm wie ein aus vergangenen Märchenzeiten stammendes Riesengeschlecht. Die Mutter eine gewaltige Dame von mehr als sechs Schuh Höhe und einem Leibesumfange, der sich bequem mit dem einer mittleren Sprengtonne vergleichen ließ, der Sohn ein ungeschlachter Geselle mit schweren Gliedern, der den langen Heino reichlich um Kopfeshöhe überragte, und die Tochter eine walkürenhafte Erscheinung, neben der die schlanke Brigitte sich wie ein schmächtiger Backfisch ausnahm.
Als die drei, die Mutter voran, die Parkveranda betraten, lief durch den luftigen Bau ein Erzittern, und in den Dielen entstand ein bedenkliches Knacken. Der lange Heino sprang auf, um der Gräfinmutter die Hand zu küssen, vorher aber fand er noch Zeit, seinem Gaste rasch zuzuflüstern: „Die alte Hellingen, genannt die gräfliche Dampfwalze mit dem Elefantenküken und der Wunschmaid.“ Nach dieser respektlosen Bemerkung aber machte er seinen korrektesten Diener, half der Gräfin aus ihrem hellen Staubmantel, schüttelte dem „Elefantenküken“ herzlich die Hand und versicherte der „Wunschmaid“, sie sähe wieder einmal blendend aus, und es hätte ihm schon immer so geschwant, als sollte der Tag noch einen besonders festlichen Abschluß finden.
Das junge Mädchen errötete vor Vergnügen bis unter die flachsblonden Haare, gab dem langen Heino einen freundschaftlichen Klaps, der einen Schwächeren umgeworfen hätte, und der junge Graf lachte dröhnend auf.
„Geh, schabber nich, Heino, sonst erzähl ich hier öffentlich Deine allerneuesten Schandtaten. Aber ich bin ein christlicher Edelmann, ich kann schweigen!“
Peter Brenitz, der bei dem Eintritte der Gäste bescheiden in den Hintergrund getreten war, hatte bei dem Namen Hellingen argwöhnisch den Kopf gehoben; ein paar Worte fielen ihm ein, die er von dem redseligen Oberkellner des Hotels de Russie auf dem Wege vom Bahnhofe gehört hatte. Und jetzt glaubte er mit einem Male dafür die richtige Deutung zu haben ...