„Du rührst da an ein Problem, liebe Tante, das mir auch schon schlaflose Nächte bereitet hat. Ich glaube, wir müßten zur Abhilfe der von Dir gerügten Mißstände öfter regnen lassen oder unser Vieh mit Rhabarber füttern. Jetzt aber verzeih, ich möchte meinen Freund auch Deinen Sprößlingen vorstellen!“ Er machte eine weit ausladende Handbewegung: „Komteß Hella von Hellingen, Herr Referendar Brenitz ... Herr Referendar Brenitz aus Berlin, Herr Burggraf Hanns von Hellingen auf Hellingenau!“
Die „Wunschmaid“ neigte kurz das mit flachsblondem Haar beschwerte Haupt, das „Elefantenküken“ hob sich ein wenig auf seinem Sitze an und schnarrte mit einem Zusammenklappen der Stiefelabsätze: „angenehm!“ Peter Brenitz aber wurde mit einem Male befangen und machte eine linkische Verneigung. Er empfand es dankbar, daß Heino vor der vornehmen Verwandtschaft sich so offen zu ihm bekannt hatte, aber ein bitteres Gefühl stieg ihm im Halse empor, und unwillkürlich mußte er denken, wie anders wohl die Vorstellung verlaufen wäre, wenn er wirklich zu diesem adligen Geschlechte der angeblich im Rheinlande ansässigen Brenitze gehört hätte.
Die Gräfin Hellingen machte ein ärgerliches Gesicht und richtete sich in ihrem Lehnsessel auf. Es war ihr nicht entgangen, daß Heino geflissentlich den Namen dieses kleinen Referendars vor dem ihres Sohnes genannt hatte ...
„Wir wollen nicht mehr lange stören, und ja, liebe Mieze, weshalb ich eigentlich zu Dir gekommen bin ... es hat sich da eine Person bei mir gemeldet, die früher bei Dir in Diensten stand ... meine bisherige Kammerzofe habe ich nämlich wieder einmal Knall und Fall entlassen müssen.“ ...
„Ach,“ sagte der junge Graf Hellingen plötzlich und stand auf, „Du sollst doch heute nachmittag einen ganz klotzigen Bock geschossen haben, Brigitte? Euer Gärtner erzählte vorhin was davon. Kann man ihn nicht mal sehen?“ Er bemühte sich, ein möglichst unbefangenes Gesicht zu machen, aber der Versuch gelang nur unvollkommen, denn in seinen gebräunten Wangen stieg eine verräterische Röte empor ...
„Meinen Bock“ fragte Brigitte, „mit Vergnügen! Kommt, Kinder, am Milchkeller irgendwo wird er hängen!“ Sie nahm die Wunschmaid unter den Arm und ging voran, gefolgt von dem erleichtert aufatmenden Elefantenküken. Der lange Heino aber verneigte sich erst höflich vor der Gräfinmutter: „Liebe Tante, darf ich für meinen Freund und mich ebenfalls um Urlaub bitten?“ Und draußen schlug er seinem Gaste kräftig auf die Schulter.
„Mann Gottes, jetzt machen Sie doch bloß nicht so’n miesepetriges Gesicht, die Leute verstehen’s eben nicht besser, und der Bann ist ja gebrochen. Sie sind der Gräfin Hellingen vorgestellt, und nachher werde ich’s schon deichseln, daß Sie von ihr aufgefordert werden, nächstens in Hellingenau einen Besuch zu machen. Dann aber sind Sie fein ’raus mit ’nem Freilos, denn sie ist immer noch nicht nur die dickste, sondern auch erste Dame des Kreises, und wer in ihrem Hause verkehren darf, ist für unsere hiesigen Begriffe so was ähnliches wie hoffähig.“
„Ich möchte Sie bitten,“ erwiderte Peter, „sich nach dieser Richtung hin nicht zu bemühen. Ich beabsichtige nicht, mich in eine Gesellschaft zu drängen, in der ich doch nur geduldet sein würde!“
Heino blieb stehen und schlug verwundert die Hände zusammen.
„Ja, Kind, liebes, was wollen Sie eigentlich?! Neulich, am Abend vor Ihrem sogenannten Duell, schwärmten Sie von den völkerbeglückenden Idealen Ihres seligen Herrn Papas, die natürlich auch die Ihrigen sind. Sie setzten mir in längerer Rede auseinander, all die beklagenswerten Mißverständnisse wären zum größten Teile darauf zurückzuführen, daß die beiden in Betracht kommenden Parteien viel zu wenig voneinander wüßten. Jetzt bringe ich Sie mit Leuten von der anderen Cotéseite zusammen, und Sie zoppen zurück! Woher sollen’s die denn lernen, daß hinterm Berg sozusagen auch Menschen wohnen, wenn ihr Gesichtskreis sich nur auf allerhand, auch in Ihren Augen nicht gerade sehr dekorative Objekte beschränkt? Auf die armseligen Gestalten, die mit gekrümmtem Rücken ihr Bündel von Dorf zu Dorf schleppen, auf Herrn Manufakturwarenhändler Pollnow am Markt, der mit den Bauern um ’ne Elle Kattun feilscht, oder, wenn’s hoch kommt, auf einen Königsberger Getreidehändler, der aber, weil er bei seinem Geschäft natürlich auch verdienen will, von vornherein ihr Feind ist? ... Also vorwärts, los, mein Jungchen! Und tun Sie mir einen Gefallen: Laufen Sie nicht immer mit so ’nem Entschuldigungszettel auf der Brust herum, in dieser unglückselig-schüchternen Haltung, als wenn Sie sagen wollten: „Verzeihen Sie, meine Herrschaften, ich bin zwar Jude, aber, Sie dürfen’s mir glauben, ein anständiger Mensch!“