„Aber Sie duzen sich doch untereinander?“ warf Peter ein.
„Ach so?! Nun, die Urgroßmütter sind schon zusammen aufgewachsen, mit dem großen Hanns haben wir uns gegenseitig die Nasen blutig geschlagen, da kommt das ganz von selbst. Die Gräfin aber ist meine Patin und genießt infolgedessen das Vorrecht, von mir von Zeit zu Zeit mit einem größeren Pump beehrt zu werden ... Autsch, Backe,“ sagte er plötzlich und sah besorgt nach dem Herrenhause zurück, „sie wird meiner alten Dame doch nichts erzählt haben?!“
„Um Gottes willen —“ Peter fuhr ordentlich erschrocken zusammen — „weshalb haben Sie mir denn nicht ein einziges Wort nur gesagt? Ich hätte doch so gerne ...“
Er brach ab, denn Heino legte ihm die schwere Hand auf die Schulter.
„Nee, mein Jungchen, das wollen wir lieber lassen! Unsere Freundschaft soll keinen metallischen Beigeschmack bekommen! Sie meinen es gut und ehrlich, ich weiß es, aber es soll niemand sagen dürfen, der Heino Bergkem hätte aus nicht ganz lauteren Gründen gehandelt ... na, ist gut!“ Er hatte ernster als sonst gesprochen, und gleich danach lachte er wieder lustig auf.
„Aber beruhigen Sie sich, sie tut’s nicht, denn sie fürchtet sich vor meinem losen Mundwerk. Und sie trägt den neuen Posten auf ein recht zweifelhaftes Konto, denn im stillen hofft sie, ich werde mal die Wunschmaid heiraten, dann zieht sie mir alles auf einmal von der Mitgift ab! Schließlich, das Dümmste wär’ es ja nicht, aber wir wollen es uns noch ’ne ganze Weile lang überlegen, trotz der ungemessenen Däuser, die sie mal von ihrer Mutter erbt! Und der große Hanns da drüben neben meiner Schwester? Der Kerl ist dumm wie Bohnenstroh, fast könnt’ man sagen, wegen allzu alten Adels des Lesens und Schreibens unkundig, aber mit vierundzwanzig Jahren Herr auf dreiundsechzigtausend Morgen Land! Dreiundsechzigtausend Morgen, über denen mal der weiße Wappenvogel meines Geschlechts flog. Na schön, kann vielleicht alles wieder werden. Und jetzt kommen Sie, sonst bilden sich die beiden Riesenkinder noch ein, wir hätten nichts Besseres gewußt, als über sie zu klatschen!“
Er ging mit weit ausgreifenden Schritten voran, und Peter folgte ihm mit angstvoll beklommenem Herzen. Die Worte „kann vielleicht mal alles wieder werden“ ließen doch nur eine einzige Deutung zu, aber gleich danach schalt er sich einen Toren. Der lange Heino wäre doch der letzte gewesen, an so schnöden Handel, bei dem es um das Schicksal der eigenen Schwester ging, überhaupt nur zu denken. Sie selbst aber, die blonde Brigitte, schien ihm viel zu stolz und hochgesinnt, um sich an diesen täppischen Burschen zu verkaufen, nur weil er eine Grafenkrone trug und Herr über drei Meilen Land war! Und schließlich war er ja auch noch da und gedachte nach dem Rate des Freundes von jetzt an auf den Plan zu treten. Ein stilles Werben und Dienen sollte anheben vom heutigen Tage, bis sie sich ihm in seliger Stunde neigte wie eine gnadenreiche junge Königin ...
Das Gehörn des Bockes war von allen Seiten besichtigt und sachverständig geprüft worden. Brigitte schlug vor, wieder nach der Parkveranda zurückzukehren, und da widerfuhr dem großen Hanns ein Mißgeschick. Aus den nahen Tagelöhnerwohnungen waren die Kinder herzugelaufen, standen scheu im Kreise herum und starrten die jungen Herrschaften aus dem Schlosse an. Eins der Kleinsten aber, das barbeinig im Hemdchen auf allen Vieren krabbelte, hatte sich vorwitzig zu nahe herangewagt, und im Umwenden trat ihm der junge Graf Hellingen unachtsam auf die winzige Hand.
„Ueberall wimmelt’s von dem kleinen Geschmeiß,“ sagte er ärgerlich und wollte seinen Weg fortsetzen, aber es gab einen unliebsamen Aufenthalt, Peter Brenitz eilte hinzu und hob den schreienden Kleinen auf. Er trug ihn zu dem nächsten Hause, setzte ihn in dem verräucherten Flure auf einen Schemel, und da geschah etwas Merkwürdiges, der strampelnde Schreihals wurde mit einem Male still, ließ sich geduldig das Blut von der Schramme wischen und die dicke Patschhand untersuchen.
Peter hob den Kopf, denn er hörte sich nähernde Schritte.