Die Herren von der Tischgesellschaft Masovia verneigten sich leicht auf ihren Stühlen, der Vorsitzende jedoch, Herr Provisor Kellmigkeit von der Apotheke zum goldenen Engel, runzelte die Stirn.
„Herr von Bergkem, in Anbetracht des wichtigen, zur Verhandlung stehenden Gegenstandes hatte ich eigens um pünktliches Erscheinen ersucht. Ich sehe mich daher genötigt, Sie in eine Strafe von zwanzig Pfennigen zu nehmen.“
„Mit Vergnügen,“ sagte Heino und schlug seine langen Beine rittlings über einen Stuhl, „was steht denn so Wichtiges zur Verhandlung? Ich war zwei Tage lang auf meiner heimatlichen Klitsche, um — leider vergeblich — einem kapitalen Bock nachzustellen.“
„Bitte, alles in der gehörigen Reihenfolge!“
Herr Kellmigkeit schob eine blecherne Sparbüchse vor Heinos Platz, wartete, bis die verwirkten zwanzig Pfennige erlegt waren, und läutete schließlich heftig mit einer kleinen Präsidentenglocke.
„Meine Herren! Nachdem durch das Erscheinen des Herrn von Bergkem eine beschlußfähige Zahl von Mitgliedern laut Paragraph 7 unserer Statuten erreicht ist, treten wir in die eigentliche Tagesordnung ein. Ich konstatiere als anwesend außer dem Vorsitzenden die Herren Steuerassistenten Lehmann, Petrigkeit, Annuschat, den Herrn Regierungsbauführer Rennebahrt, die Herren Referendarien Meyer und Freiherr von Bergkem. Die Schlußabstimmung ist namentlich und öffentlich, zur Sache selbst aber bemerke ich folgendes.“ Der Herr Provisor räusperte sich, legte sein bartloses Gesicht in wichtige Falten und machte eine Kunstpause, während der er sich in dem kahlen, nur von ein paar billigen Oeldrucken und einer Kaiserbüste geschmückten Raume umsah.
„Meine Herren! Wie wir hier versammelt sind, stehen wir alle auf dem Boden der absoluten und unbedingten Satisfaktion, halten unerschütterlich zu Kaiser und Reich, sind uns einig in der Wahrung der von den Vorfahren übernommenen, echt germanischen Weltanschauung. Meine Herren, in unsern so homogenen Kreis soll sich nunmehr ein fremdes Element drängen, ein gewisser Herr Peter Brenitz aus Berlin, von Beruf Referendarius, von Religion Jude. Der Herr Dezernent für Personalangelegenheiten im hohen Justizministerium hat in seltsamer Verkennung der bei uns herrschenden Anschauungen diesen Herrn Brenitz an das hiesige Amtsgericht versetzt ... nun gut, dagegen können wir uns nicht wehren. Wogegen wir uns aber wehren können, ist, daß dieser Herr in unserem Kreise Zutritt findet und so von vornherein die ihm gebührende Stellung in der guten Gesellschaft Stradaunens zugewiesen erhält. Ich habe mir daher erlaubt, einen Antrag einzubringen, dahin zielend, daß Herr Referendarius Brenitz aus Berlin zum Eintritte in die Tischgesellschaft Masovia nicht aufgefordert wird. Es ist wohl selbstverständlich, daß dieser Antrag einstimmige Annahme findet, um aber auch in diesem Falle nach Paragraph 21 meiner statutenmäßigen Pflicht zu genügen, frage ich, ob einer der Herren dazu noch das Wort wünscht.“
Zu beiden Seiten des langen Tisches, in dessen Mitte ein verstaubter Strauß aus künstlichen Blumen prangte, erhob sich zustimmendes Gemurmel, nur Herr Heino von Bergkem reckte sich auf seinem Stuhle heraus. Mit ernsthaftem Gesicht, aber in seinen blauen Augen blitzte es verräterisch.
„Ich bitte ums Wort zu einer kurzen Anfrage.“
Der Herr Vorsitzende läutete heftig.