Als jedoch am späten Abend der Hellingenauer Besuch nach Hause gefahren war, schlang Heino der Mutter seinen langen Arm um die Schulter.
„Sag, Mutti, hältst Du Deinen Aeltesten für dumm?“
„Nein, mein Kind, aber ...“
„Kein Aber! Ich weiß genau, was ich will! Es war höchste Zeit, dem langen Hanns mal ’ne kleine Aufmunterung zu geben, wie ’nem trägen Gaul ’nen Peitschenschmiß. Auf seine Art hat er unsere Brigitte recht lieb, aber er glaubt, mit ihren siebzehn Jahren läuft sie ihm nicht fort, und läßt sich Zeit wie ein Pascha, der nur die Hand auszustrecken braucht. Also da ist es recht gut, wenn ihn die Bremse der Eifersucht sticht. Glaub’ mir, in vierzehn Tagen tritt er hier mit ’nem Blumenstrauß an — trotz seiner hochgräflichen Mutter! ... Meinst Du, ich hätte sie nicht durchschaut, als sie heute nachmittag in Brigittes Gegenwart von ihrer weggejagten Kammerjungfer oder, implicite, von einem neuen Streiche ihres Herrn Sohnes zu erzählen anfing?“
Frau von Bergkem schmiegte sich an ihren Sohn und sah in neu erwachender Hoffnung zu ihm auf. Nur ihr streng christlicher Sinn wehrte sich gegen so unziemliche Beeinflussung des Schicksals.
„Ich glaub’ Dir, mein Kind, aber ist es nicht eigentlich ein frevles Spiel mit Menschenlosen? Wenn nun Brigitte ...“
„Mutter!“
Der lange Heino hob die Hand, und zwischen seine blonden Augenbrauen schob sich eine tiefe Falte:
„Ich hoffe, sie denkt ebenso wie ich, und wenn nicht, dann ist es Deine Pflicht, diesem siebzehnjährigen Gissel die Augen klar zu wischen. Ich glaube, im Sinne meines Vaters ein leidlich moderner Mensch zu sein, aber bei gewissen Dingen hört mein Horizont auf! Und glaub mir, eher würd ich in Dreck und Speck verkommen, als daß ich einem Juden, und wär er der edelste Mensch, der je diese Erde beschritten, meine Schwester zum Weibe gäbe.“
Die Mutter neigte zustimmend den feingeschnittenen Kopf.