„Mein Sohn, Du bist nach dem Hingang Deines Vaters der letzte Deines Geschlechts, Dir kommt es zu, in solchen Fragen zu bestimmen, und ich will Deinen Anweisungen getreulich folgen. Bangt es Dir aber nicht um Deinen Freund, und ist es nicht unchristlich, ihn ahnungslos in eine Gefahr treten zu lassen, die ihm vielleicht Kummer und Herzeleid bringt?“
Da lachte der lange Heino wieder lustig auf.
„I bewahre, Mama! Das heißt, versteh mich nicht falsch! Ich wollte sagen, der gute Peter Brenitz ist gegen diese Gefahr gepanzert und gefeit. Vor lauter himmelhohen Idealen hat er keine Zeit, sich hier unten auf der Erde umzuschauen, und ich wette mit Dir, er weiß trotz stundenlangen Beisammenseins noch nicht einmal, ob Brigitte blaue Augen hat oder braune. Sonst vielleicht“ — und seine Stimme klang unwillkürlich leiser — „wäre er mir doch zu schade, ihn als Puppe in mein Spiel zu stellen! In seiner Art ein prachtvoller Kerl, und — weshalb soll ich’s leugnen — in gewissem Sinne bin ich stolz darauf, ihn meinen Freund zu nennen ...“
So sprach der lange Heino, schritt mit der Mutter bis in den späten Abend hinein in den schweigenden Gängen des Parkes auf und ab, bedachte klüglich, wie die Beziehungen der Häuser Hellingen und Bergkem zu naher Vereinigung zu gestalten wären. Eines nur bedachte er nicht, daß ein großes Jungenherz längst schon lichterloh brannte, in dem eines kleinen Mädchens aber ein Funke glimmte, der mit rasch zufassender Hand ausgedrückt werden mußte, um nicht in heller Flamme emporzuschlagen ....
IV.
Peter Brenitz fuhr allein nach Hause, denn Heino hatte ihm erklärt, er müßte seines geplanten Finanzgeschäftes wegen mit der Gräfinmutter von Hellingen noch ein kräftiges Wörtlein im Vertrauen reden. Herr Meltzer drehte den Motor an, noch ein Winken und Grüßen, und der schöne Nachmittag in dem gastlichen Hause unter den grünen Lindenwipfeln war zu Ende. Als Peter im Hoftor sich noch einmal umwandte, war die Freitreppe leer, nur an einem Fenster der weiten Halle leuchtete noch ein bläulicher Schimmer ...
Aber das mochte vielleicht nur eine Einbildung sein, die ihm seine kurzsichtigen Augen vorspiegelten, oder sein von Glückseligkeit übervolles Herz ...
Da legte er sich im Wagensitze zurück und kostete in der Erinnerung alles noch einmal durch, was sich an diesem gesegneten Nachmittage zugetragen, von dem Augenblicke an, da er sie dort drüben auf dem schmalen Wiesenraine erblickt hatte, bis zu der flüchtigen Sekunde, in der sie ihm die kleine Hand zum Abschiede reichte. „Kommen Sie recht bald wieder, lieber Herr Brenitz,“ hatte sie gesagt und ihn freundlich angesehen, die blonde Brigitte. Nun wohl, das sollte geschehen, denn jede Minute, die er fern von ihr verbringen mußte, erschien ihm ein Raub an dem ihm zukommenden Glücke.
So träumte er glückselig vor sich hin, indes ihn der rasche Wagen den Weg zurückführte, den er am Nachmittag an der Seite des Freundes gegangen war. Himmelhoch ragten die grauen Stämme der Tannen empor, zwischen sandigen Hügeln wuchs dürftiges Wacholdergestrüpp, und über dem blauen Spiegel des Sees stand die abendliche Sonne, nur schien ihm das Bild der Landschaft gegen sonst ganz eigentümlich verändert. Alles rings um ihn her war viel farbiger und bunter geworden, noch nie glaubte er ein so prächtiges Blau, ein so leuchtendes Grün gesehen zu haben, als hier auf Schilf und Wasser, und noch niemals war es ihm aufgefallen, welche verschwenderische Pracht von Glanz und Gold die liebe alte Sonne über Wald und See zu streuen vermochte. Wohin ihr Strahl auch traf, überall ergleißte es von Purpur und Gold, bis ihm mit einem glücklichen Lächeln einfiel, daß diese Veränderung vielleicht an seinen Augen läge ... Und grüßend flogen seine Gedanken zu der Einzigen, Herrlichen zurück, die ihn zu neuem Leben erweckt hatte ...
Als er vor der Veranda des Grand Hotel de Russie ausstieg, um sich für den „gemütlichen Familienabend“ bei Amtsgerichtsrats in den schwarzen Rock zu werfen, gab er seinem braven Wagenlenker einen übermütigen Klaps auf die Schulter.