„Na, Meltzer, wie gefällt’s Ihnen hier im Städtchen?“
„Bedeutend, Herr Doktor! So ’ne Station ha’ck mir schon lange immer jewünscht. Stullen, wie Holzpantinen so jroß, un det Fleesch scheint hier ooch mächtig billig zu sein!“
„Na und sonst? Haben Sie auch schon wieder ’ne Braut?“
„Ick schwanke noch, Herr Doktor! De Mächen sind alle hier durch de Bank so sauber und appetitlich, det ick mir for ’ne einzelne noch nich hab entschließen können. Immer jefällt mir ’ne andere besser, und vorläufig lieb ick se alle mitenander!“
„Dann beeilen Sie sich aber, Ihre Wahl zu treffen,“ sagte Peter lächelnd. „Denn wie steht’s geschrieben? Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei!“
Damit begab er sich ins Haus, Herr Meltzer aber blickte ihm mit einiger Verwunderung nach. So aufgeräumt und lustig hatte er seinen Herrn noch niemals gesehen. Und mit einem Male kniff er das rechte Auge ein und pfiff vergnügt vor sich hin: „Hast’s endlich auch gemerkt, daß zweierlei Menschen auf der Erde wohnen?“ Nur wußte er nicht recht, an welcher der beiden jungen Damen, die er so behutsam hatte fahren sollen, sein Herr Feuer gefangen hatte, an der schlanken Zierlichen im hellblauen Kleid oder der Großen mit dem weißblonden Haar. Eins aber schien ihm auf jeden Fall sicher, daß er ihn noch manch liebes Mal von diesem Gutshofe abholen würde, dessen vertrackten Namen kein anständiger Christenmensch richtig aussprechen konnte ...
Bei Amtsgerichtsrats ging es hoch her. Die beiden Vorderzimmer erstrahlten im festlichen Lichte mehrerer Lampen, die Frau Rätin, eine stattliche Dame mit einem Schnurrbärtchen auf der Oberlippe und dunkeln Augen, hatte ihre vollen Formen in das Schwarzseidene eingezwängt, Fräulein Trudchen aber prangte in Rosa, weil ihrem brünetten Teint diese Farbe bei Abendbeleuchtung am besten zu Gesichte stand. Die sechs jüngeren Geschwister aber mußten in den Hinterzimmern bleiben, um den Gast nicht durch ihre große Zahl zu erschrecken und der ältesten Schwester keine unziemliche Konkurrenz zu bereiten.
Als Peter gegen halb neun in Gehrock und Zylinder erschien, empfing er den wohltätigen Eindruck eines wenn auch bürgerlich-einfachen, so doch harmonischen Familienlebens, und auch hier war die Begrüßung eine ausnehmend herzliche. Die Frau Rätin, die zur Erklärung ihrer harten Aussprache des Deutschen bemerkt hatte, sie wäre eine geborene von Zuchopolska aus dem alten Woiwodengeschlechte derer von Zuchopolski aus der Gegend von Grajewo, lud Peter neben sich aufs Sofa, und als sie in der üblichen Pause vor Tisch auf Befragen erfahren hatte, er besäße weder Vater noch Mutter mehr, schlug sie bedauernd die fleischigen Hände ineinander.
„Arrmer Herr Brenitz! Wie tun Sie mir leid, namentlich weggen Ihrer Frau Muter! Nun denn kommen Sie nurr recht oft, auch onne Einladung, und wenn Ihnen zumute ist, Ihr Cherz auszuschüten, hier ist iemer Platz!“ Dabei legte sie ihre Rechte auf den umfangreichen Busen und sah ihn mitleidig an, Fräulein Trudchen aber schüttelte ihm mit einem gefühlvollen Aufleuchten ihrer braunen Augen die Hand.