Und Peter bedankte sich herzlich, versprach, von der gütigen Aufforderung ausgiebigen Gebrauch zu machen. Am liebsten hätte er’s gleich schon getan, denn während des Umkleidens hatte er es als einen schmerzlichen Mangel empfunden, daß er es bisher verabsäumt hatte, sich darüber zu unterrichten, wie ein junger Mann in seiner Lage sich zu der Angebeteten seines Herzens wohl zu verhalten hätte; ob es zum Beispiel angängig wäre, der Baronesse Bergkem am nächsten Morgen einen schönen Blumenstrauß zu schicken, oder ob ihm diese Sendung als eine unziemliche Voreiligkeit ausgelegt werden könnte. Für die Entscheidung solcher und ähnlicher Fragen besaß er ja jetzt, Gott sei Dank, eine Stelle von sicherem Taktgefühl. Nur schien es ihm schicklich, die Erkundung erst nach Tisch vorzunehmen.
Die Köchin erschien in der Tür des Eßzimmers: „Frau Amtsgerichtsrat, es is angerichtet“, und Peter durfte der alten Dame den Arm bieten, während Fräulein Trudchen mit ihrem „lieben Papichen“ den Beschluß machte.
Bei Tisch fragte sie ihr Gegenüber, was er in all diesen langen Tagen seit ihrer ersten Begegnung getrieben hätte, und jetzt wurde Peter mit einem Male beredsam. Von den ungemütlichen Stunden seiner Erkältung sprach er aus naheliegenden Gründen nur wenig. Denn über das Duell hatten alle Beteiligten strengstes Stillschweigen gelobt, um so länger aber verweilte er bei der Schilderung seines Besuches im Schlosse Przygorowen. Er rühmte die gastliche Aufnahme, die er dort gefunden hätte, erzählte von dem Besuche der Familie Hellingen, dem von Brigitte erlegten Rehbocke und dem kleinen Bübchen, das er ins Haus getragen. Alles bunt durcheinander, aber für jeden schärfer Aufmerkenden wand sich ein leuchtender Faden hindurch, an dem sich all seine Schilderungen aufreihten: der Name Brigitte!
Als er endlich aufhörte, war die bis dahin so gemütliche Stimmung entschwunden. Die Frau Rätin bemerkte mit einer gewissen Schärfe, sie legten auf den Verkehr mit den adligen Häusern der Umgegend keinen Wert, wegen allzugroßer Verschiedenheit der geistigen Interessen, und Fräulein Trudchen fragte spitz: „Finden Sie die Baroneß Bergkem wirklich so blendend?“ Nur der Herr Rat hatte ihm freundlich zugehört, und wenn er seine Gattin anblickte, huschte über sein müdes Amtsgesicht ein ironisches Lächeln ... Da wandte Peter mit seiner Antwort sich natürlich an ihn.
„Nun, „blendend“ dürfte wohl kaum der richtige Ausdruck sein für dieses herrliche, mit allen äußeren und inneren Vorzügen geschmückte junge Mädchen! Ihren eigentlichen Reiz, ihr anmutiges und sanftes Wesen entfaltet sie doch erst bei näherer Bekanntschaft.“
„Darüber habe ich leider kein Urteil, Herr Kollege,“ sagte der Herr Amtsgerichtsrat, und mit einem Blicke auf seine Tochter fügte er hinzu: „Na also! Nun spielt noch Euren Chopin, und na ja ...“ Der Rest erstarb in einem unverständlichen Brummen. Fräulein Trudchen aber bat um Entschuldigung, sie hätte mit einem Male Kopfweh bekommen, wäre für Chopin auch heute nicht in der Stimmung.
Da fragte sich Peter, ob er wohl die Ursache dieses plötzlichen Umschlages wäre, und nicht ohne Beschämung mußte er sich eingestehen, daß er sich recht unschicklich benommen hätte, als er vor den Ohren dieses liebenswürdigen, aber häßlichen Mädchens die Schönheit einer anderen pries. Er hätte sie gerne um Verzeihung gebeten, aber die rechten Worte wollten sich nicht einstellen. Schließlich gab er’s auf. Vielleicht bot sich in den nächsten Tagen dazu noch einmal die Gelegenheit.
Von nun an schleppte sich die Unterhaltung nur recht langsam hin, und als der Herr Amtsgerichtsrat erklärte, er hätte am heutigen Tage eine zwar sehr interessante, aber recht anstrengende Sitzung gehabt, hielt Peter die Zeit für gekommen, sich mit kurzem Abschiede zu empfehlen. Fräulein Trudchen leuchtete ihm die Treppe hinab, unten aber, vor dem großen Tor des Amtsgerichts, blieb sie zögernd stehen.
„Ich möchte Ihnen gerne noch etwas sagen, Herr Brenitz, aber Sie werden es mir sicherlich mißdeuten ...“
„Wie sollte ich wohl,“ erwiderte er, „denn ich habe doch gesehen, daß Sie es gut mit mir meinen?“