„Nun denn: Fahren Sie nicht mehr nach Przygorowen hinaus, denn ich vermute nach allem, was ich von Ihnen und auch sonst gehört habe, Sie werden dort eine wenig beneidenswerte Rolle spielen. Vor allem aber trauen Sie einem nicht, der immer so tut, als wenn er sein Herz auf der Zunge trägt! In Wirklichkeit ist er falsch wie Galgenholz.“
„Mein liebes Fräulein,“ sagte Peter erregt, „Sie scheinen mit echt weiblichem Scharfsinn erraten zu haben, was in meinem innersten Herzen vorgeht. Sie werden es mir daher nicht verargen, wenn ich Sie bitte, ganz rückhaltlos zu sprechen?“
Fräulein Trudchen schüttelte den braunen Lockenkopf.
„Das kann ich nicht. Ich will nicht haben, daß es heißt, ich klatsche. Aber weil ich’s mit Ihnen besser meine als mit anderen, sag’ ich Ihnen das eine noch: Ein Keil treibt den anderen. Wenn der erste nicht mehr will, wird manchmal der zweite hinterhergesetzt. Denken Sie darüber nach, und in vier Wochen werden wir uns sprechen, ob ich recht hatte. Gute Nacht, Herr Brenitz!“ Sie blies das Licht aus und huschte eilig die Treppe hinauf.
Peter Brenitz aber schritt nachdenklich durch die dunkeln Gassen seiner Wohnung zu. Ein bitterer Tropfen war in sein junges Glück gefallen, und dem übermütigen Rausche war eine leichte Ernüchterung gefolgt. Wenn man sich’s recht überlegte, konnte die Warnung doch nur den einen Sinn haben, daß er in Przygorowen dazu benutzt werden sollte, als ein scheinbar ernsthafter Bewerber den jungen Grafen von Hellingen zur Eifersucht zu stacheln und zu raschem Entschlusse zu drängen. Wenn man so wollte, konnte man fast jedes Wort, das am Nachmittage gefallen war, in diesem Sinne deuten, von Heinos Bestreben an, ihn im Hause der Gräfinmutter einzuführen, bis zu Brigittes Abschiedsgruß: „Kommen Sie recht bald wieder, lieber Herr Brenitz!“ Und jetzt entsann er sich ganz deutlich, daß der junge Graf dazu ein seltsam finsteres Gesicht gemacht hatte ...
So grübelte und sann er noch einmal den Geschehnissen des Nachmittags nach. Plötzlich aber richtete er sich straff auf, schüttelte mit dem Kopfe und sprach laut vor sich hin: „O nein!“ Wenn ihn hier sein erstes Empfinden trog, hätte er ja an allem verzweifeln müssen, was ein Menschenleben erst lebenswert machte, an Liebe, Freundschaft und Vertrauen! So viel Menschenkenntnis traute er sich denn doch noch zu, um zu unterscheiden, was ehrlich war und was falsch, ein Edelmann vom Schlage des langen Heino Bergkem schmeichelte sich nicht in sein Vertrauen, um ihn hinterlistig zum Werkzeug seiner eigensüchtigen Pläne zu gebrauchen! Und mit einem Male lachte er hell auf, denn er glaubte des Rätsels Lösung gefunden zu haben, nur dünkte es ihn im Augenblicke schnurrig, daß er einem fremden jungen Mädchen ein Gefühl der Zuneigung eingeflößt haben sollte. Aus Eifersucht hatte des Herrn Amtsgerichtsrats Töchterlein ihm die dunkle Warnung angedeihen lassen, aus schnöder Eifersucht, und daher erklärte es sich auch, daß sie in ihren Worten wenig wählerisch gewesen war. „Falsch wie Galgenholz“ hatte sie den langen Heino genannt!
So ging er fröhlich dahin, bis aus dem Lachen plötzlich ein kurzes, wehes Aufschluchzen wurde: War es eigentlich nicht noch viel schnurriger, als selbstverständliche Voraussetzung all seiner Gedanken und Träume eine durch nichts bewiesene Annahme zu stellen? Die Annahme, daß die stolze Brigitte von Bergkem sich in ihn ebenso verliebt haben sollte wie er in sie ...
Er hatte die Absicht gehabt, den Rest des Abends am runden Stammtische der Masovia zu verbringen, weil er hoffte, dort noch vielleicht den aus Przygorowen heimgekehrten Heino zu finden. Jetzt aber ging er an dem dienernden Herrn Kalinski vorüber nach oben und setzte sich still in seinem Schreibzimmer ans offene Fenster.
Ein schwüler Hauch wehte vom Marktplatze her. Lautes Gelächter kam irgendwo aus dem Dunkel und gleich danach lustiges Aufkreischen einer Mädchenstimme. Das Jungvolk des Städtchens trieb vor den Haustüren sein uraltes verliebtes Possenspiel, er aber saß einsam mit wehem Herzen. Er hatte wieder nüchterne Augen bekommen und sah die Welt, wie sie war. Und da hob sich zwischen ihm und der Liebsten eine Mauer so hoch wie der Himmel, und dahinter ein Abgrund tief wie das Meer ... Der Bruder Leichtfuß hätte wohl mit lachendem Munde zum Sprunge angesetzt, er aber fühlte den Stein am Bein und gab das Wagnis auf ... Vielleicht daß es gegangen wäre, wenn die auf der anderen Seite ihm die Hand entgegengestreckt hätte, aber war es nicht töricht, auf ein paar freundliche Worte so verwegene Hoffnungen zu setzen? ...
So saß er im Dunkeln, marterte sein Hirn mit Zweifeln, und die von hämischem Munde gestreute Saat des Mißtrauens schlug in seinem Herzen unausrottbare Wurzeln. Und er beschloß, das Geheimnis seiner Liebe sorgsam zu wahren, am allersorgsamsten aber vor dem Freunde, dem er sich sonst doch zunächst hätte anvertrauen müssen ...