Am anderen Tage traf von Berlin her in einer langen Holzkiste das Geschenk ein, das Peter seinem Freunde für die geleisteten Sekundantendienste schuldete. Im allgemeinen begnügte man sich in solchen Fällen mit irgend einem kleinen Andenken, einer Zigarettendose oder einem Spazierstocke mit silbernem Griffe und eingeschnittener Widmung. Er aber gedachte dem Jägerherzen Heinos eine besondere Freude zu bereiten und hatte von einer Waffenhandlung, an der ihn sein Weg früher zuweilen vorbeiführte, eine kostbare Doppelbüchse verschrieben. Und weil er bei der Bestellung Herrn Meltzer in seiner Eigenschaft eines altgedienten Soldaten und Offiziersburschen als Sachverständigen hinzugezogen hatte, war etwas Ordentliches dabei herausgekommen, ein vortreffliches Gewehr mit gehöriger Schaftlänge und präzisen Schußleistungen. Auf dem festen Lederetui aber prangte inmitten eines kleinen silbernen Schildes die Widmung: „Peter Brenitz seinem lieben Heino von Bergkem zur freundlichen Erinnerung.“

Als sie mittags vom Gericht kamen, bat er seinen Begleiter, einen Augenblick nach oben zu kommen und beim Auspacken einer Kiste behilflich zu sein, die am Morgen früh aus Berlin eingetroffen wäre. Der lange Heino sagte: „Schön, meinetwegen“, als er aber die kostbare Doppelbüchse in Händen hielt und aus der Widmung sah, daß sie für ihn bestimmt war, führte er vor Freude einen wahren Indianertanz auf, umarmte den „edlen Spender“ und erklärte, selbst in seinen verwegensten Träumen hätte er an eine so prächtige Waffe nicht zu denken gewagt.

„Und gleich nach dem Essen fahren wir hinaus, schießen sie im Parke an, und dann geht’s auf den Rehbock. Herrgott, Mensch, Brenitz, haben Sie mir einen Festtag gemacht.“

Peter aber stand dabei und bemühte sich mit einigem Herzklopfen, ein möglichst gleichgültiges Gesicht zu zeigen.

„Muß ich denn dabei sein? Ich hatte heute eigentlich vor, den hiesigen Honoratioren meine pflichtschuldigen Besuche abzustatten. Dem Bürgermeister, dem Apotheker und den Herren der Masovia, die so freundlich waren, sich während meiner Krankheit nach mir umzusehen.“

„Unsinn,“ sagte der lange Heino, „schicken Sie den Stift Louis mit ’ner Handvoll Visitenkarten ’rum, das ist für die Bonzen reichlich gut genug. Sie halten’s für die neueste Berliner Mode und fühlen sich hochgeehrt. Wir beide aber sausen im Auto los, die alte Dame muß uns zum Kaffee Kartoffelflinsen backen lassen, und am Abend essen wir ein frisches Rehleberchen. Ich weiß noch ein Böckchen im grünen Klee, das würdig genug ist, aus dieser Büchse die erste Kugel zu kriegen.“ So sprach er mit leuchtenden Augen, und Peter gab alles scheinbare Widerstreben auf. Er willigte mit Freuden ein.

Leider aber entsprach der Verlauf des Nachmittags nicht ganz dem von Heino aufgestellten fröhlichen Programm! Als Herr Meltzer mit lautem Tuten sein Auto in den weiten Hofraum lenkte, stand nur Frau von Bergkem auf der Freitreppe. Sie erklärte nach der ersten Begrüßung, Brigitte wäre unpäßlich und hätte sich gleich nach dem Essen schon wegen heftiger Kopfschmerzen auf ihr Zimmer zurückgezogen. Der lange Heino tauschte mit seiner Mutter einen flüchtigen Blick und runzelte die Augenbrauen. Peter aber mußte sich zusammennehmen, um seine schmerzliche Enttäuschung hinter einer gleichgültigen Miene zu verbergen. Er sagte höflich: „Bitte, empfehlen Sie mich dem gnädigen Fräulein, ich ließe gute Besserung wünschen,“ und wandte sich an seinen Chauffeur mit der Weisung, den Wagen irgendwo unterzustellen. Wann sie zur Stadt zurückkehren würden, wäre noch unbestimmt.

Frau von Bergkem lud ihn freundlich zum Nähertreten ein, und Heino begab sich nach oben, um, wie er bemerkte: „’mal nachzusehen, was dem Küken eigentlich fehlte.“

Danach saß er mit der alten Dame auf der Parkveranda und sprach von diesem und jenem. Von Zeit zu Zeit jedoch richtete sie ihren sorgenvollen Blick nach der Tür, die zu der großen Halle führte, und Peter hatte das dunkle Gefühl, daß zwischen Brigittes plötzlicher Erkrankung und seiner Person irgendein seltsamer Zusammenhang bestehen müßte. Zwar schien es ihm wie eine Anwandlung von unziemlicher Selbstüberhebung, aber er wurde den Gedanken nicht los, daß hier zwischen gestern und heute sich etwas ereignet hatte, was man ängstlich vor ihm verbarg, und bei dem er selbst eine Rolle spielte ...