Danach stellte er das Brett gegen einen dicken Lindenstamm, befestigte es mit einem kräftigen Nagel und schritt quer über eine Rasenfläche und reihenweise nebeneinander liegende Gemüsebeete eine passende Entfernung ab. Peter aber ging getreulich hinter ihm her und zerbrach sich den Kopf, was all die rätselhaften Worte wohl bedeuten mochten. Eine Lösung lag ja klar auf der Hand: Brigitte sollte sich mit dem jungen Grafen von Hellingen verloben und hatte zu Heinos großem Zorn sich anscheinend geweigert. Von da an aber führte der Weg ins Dunkle, denn der Gründe konnte es vielerlei geben. An den jedoch, der seine Seligkeit ausgemacht hätte, wagte er nicht zu denken. Ganz klein und nichtig kam er sich vor in diesem stolzen alten Hause, und was ihm gestern in einer überschwenglichen Stunde als selbstverständliche Fügung eines gütigen Schicksals erschienen war, dünkte ihn heute frevle Vermessenheit ...
Der lange Heino hatte einen schlanken Obstbaum gefunden, der ihm passend zum Anschlage schien, und widmete sich mit Eifer seinem Werke, die Treffsicherheit der Büchse zu erproben. Schuß für Schuß entsandte er in das vor dem breiten Lindenstamme lehnende Brett, und jedesmal, wenn der hinzuspringende Junge anzeigte, daß die Kugel das in der Mitte befestigte Blatt getroffen hatte, nickte er befriedigt. Und Peter sah ihm ernsthaft zu, nur bei jedem Schusse empfand er ein leises Schmerzgefühl, denn die Kugeln gruben sich tief in den Lindenstamm, und ihm schien es, als liefe jedesmal ein wehes Erschauern bis in die letzten Zweige der Krone ...
Ein leichter Schritt erklang hinter ihm, leises Rauschen von Frauengewändern. Er wandte sich um, und das Herz schlug ihm bis in den Hals. Brigitte stand vor ihm, in demselben hellblauen Kleidchen, das sie gestern getragen hatte. Nur ihr liebes Gesichtchen schien ihm verändert. Um die Mundwinkel lag eine kleine trotzige Falte, und in den großen blauen Augen leuchtete ein merkwürdiger Glanz, als wenn sie nach schwerem Kampfe zu einem festen Entschlusse gekommen wäre. Sie schüttelte dem Gaste schweigend die Hand, legte einen Finger auf die Lippen und deutete lächelnd auf den Bruder, der gerade zu neuem Schusse im Anschlage lag. Das konnte heißen, ich will ihn nicht stören, die Bewegung ließ aber noch eine andere Deutung zu: „Sei schweigsam und nimm Dich in acht!“ ... Das Blut drang ihm jählings zu Kopfe, und er mußte nach dem Gartenstuhle greifen, auf dem die Patronen lagen, um sich einen festen Halt zu geben ...
Der Schuß hatte wieder gesessen. Der hinzuspringende Junge hob das durchlöcherte Lindenblatt in die Höhe, und Heino wandte lachend den Kopf zurück.
„Na, Prinzeßlein auf der Erbse, wieder gesund? Und jetzt komm mal her, sieh Dir das Flintchen an! Zierlich und fein wie’n junges Mädchen, aber schießen tut’s wie der Deuwel. Mit beiden Läufen auf hundert Schritte Fleck. Willst es auch mal probieren?“
Da kam sie eifrig näher, wog das Gewehr prüfend in den Händen, und nachdem sie den Anschlag versucht hatte, trat sie in den Stand. Schoß mit geröteten Wangen zweimal hintereinander das Blatt vom Brette, lud von neuem und wandte sich mit blitzendem Auge um. Ein Krähenschwarm kam vom nahen Walde über die Parkwipfel gezogen, sie hob die Linke und deutete in die Höhe.
„Da die Erste! Paß auf!“
„Unsinn,“ lachte Heino, „es gibt nur ein Loch in der Luft!“
„Wetten, daß nicht?“
Der Schaft schmiegte sich an die Wange, aus der Mündung der Büchse brach ein heller Feuerstrahl. Der Vogel überschlug sich, ein Ende weit riß ihn der Schuß zur Seite, dann fiel er wie ein Stein herab, schlug dumpf auf den Boden.