„Donnerwetter noch mal, Mädel,“ sagte der lange Heino mit ehrlicher Bewunderung, und Brigitte gab ihm lachend das Gewehr zurück: „Da, kleiner Bruder, mach’s nach, wenn Du kannst!“

Peter Brenitz aber biß sich schweigend auf die Lippen. Der Narr, der er gewesen war, sich von seiner erregten Einbildungskraft allerhand törichte Trugbilder vorspiegeln zu lassen! Ein junges Mädchen, das an einem tiefen Seelenkummer litt, benahm sich wohl anders als die blonde Brigitte ...

Als sie zu der Parkveranda zurückkehrten, erhob sich von dem gedeckten Kaffeetische der große Hanns aus Hellingenau. Er wäre zufällig die Grenze entlang geritten und hätte einmal nachsehen wollen, was das viele Geschieße im Przygorower Parke bedeutete. Heino aber schlug ihn lachend auf die Schulter.

„Mensch, red’ Dich nicht unnütz aus, Du wirst Dich zu Hause gelangweilt haben!“ Und Brigitte fügte fröhlich hinzu: „Oder er hat mit seiner langen Nase gewittert, daß es hier heute ’was Feines gibt. Kartoffelflinsen mit Zucker und Kaffee!“

Danach lachten sie alle drei, sogar über das sorgenvolle Antlitz der Frau von Bergkem flog ein Lächeln, und jetzt wußte Peter ganz genau, daß er ein eitler Tor gewesen war, wenn er geglaubt hatte, diese harmlos heiteren Menschen hätten allerhand dunkle Geheimnisse vor ihm zu verbergen. Geheimnisse, in denen seine Persönlichkeit eine wichtige Rolle spielte ...

Und mit einem Male kam er sich ganz fremd vor in diesem Kreise, wie ein lästiger Eindringling, der am besten täte, sich still wieder zu entfernen. Am liebsten wäre er gleich aufgestanden, um ins Städtchen zurückzukehren, aber er fand keinen passenden Vorwand. Und es half wenig, daß die blonde Brigitte mit rührender Fürsorge auf sein leibliches Wohlergehen bedacht war, ihm eigenhändig den Teller mit duftenden Kartoffelpfannkuchen füllte und ihn, wie gestern, zu reichlichem Zulangen nötigte. Sie lachte und scherzte mit ihm, war von geradezu übermütiger Ausgelassenheit, ihm aber tat ihre Lustigkeit weh, denn sie schien ihm nur eine neue Bestätigung dessen, was ihm längst schon zur traurigen Gewißheit geworden war. Wenn sie nur eine Spur von Empfindung für all die Schmerzen gehabt hätte, die seine Seele durchwühlten, konnte sie unmöglich so rücksichtslos heiter sein! Oder genau besehen und mit dem richtigen Worte genannt: reichlich kindisch und albern ... Mit des Amtsgerichtsrats Trudchen neckte sie ihn, kopierte drollig deren schwärmerischen Augenaufschlag und fragte, ob er beim Chopinspielen sein Herz verloren hätte.

Am liebsten hätte er geantwortet: „mein gnädiges Fräulein, ich bin ein viel zu ernsthafter Mensch, um an solchen Späßen Gefallen zu finden,“ aber um Himmels willen sich nur nichts anmerken lassen, hier womöglich gar eine unglückliche Miene aufstecken, um hinterher verspottet und ausgelacht zu werden! Die schwere Kunst der Selbstbeherrschung hatte er ja schon in so mancher herben Enttäuschung gelernt, also vorwärts los, mit der gleichen Waffe geantwortet!

Und er legte die Hand auf die Brust, verneigte sich mit übertriebener Galanterie: „Mein gnädiges Fräulein, die Höflichkeit würde mir ja gebieten, jetzt zu sagen, neben Ihrem holden Bilde hätte hier kein anderes mehr Platz, aber, wenn ich der Wahrheit die Ehre geben soll, muß ich offen bekennen, daß Fräulein Trudchen in der Tat auf mich einen unauslöschlichen Eindruck gemacht hat!“

Und er schilderte mit komischem Pathos ihrer „braunen Locken Pracht“, die „lieblich nach einwärts geschwungene Nase mit den reizvollen Pünktchen der Sommersprossen“. Wie ein Bajazzo kam er sich vor, der mit wundem Herzen seine Possen trieb, aber nur zu gut gelang es ihm, alle Welt darüber zu täuschen, wie es in seinem Innern aussah, auch die blonde Brigitte ...

Und ganz allmählich gingen zwei Menschen wieder auseinander, die einen Augenblick lang drauf und dran gewesen waren, sich über alle trennenden Schranken hinweg die Hand zu reichen ... Ein großer dummer Junge, dem das Blut zu schwer in den Adern lief, und ein kleines Prinzeßlein, das vielleicht selbst nicht wußte, was es eigentlich wollte, und mit einem Male nach ein paar Stunden des Ueberschwangs eine beschämende Ernüchterung empfand. Gestern hatte er ausgesehen wie ein Befreier, der gekommen war, sie aus der Enge der heimischen Verhältnisse in die weite Welt hinauszuführen, in eine Welt mit neuen und nie gesehenen Wundern, und heute nahm er sich aus wie alle anderen ...