Heino schlug mit einem Lächeln ein.

„Kommt ganz drauf an, was die gnädigste Frau Gräfinmutter zu sagen haben! Inzwischen aber dürfte es sich vielleicht empfehlen, daß auch der Herr Graf sich in dieser Angelegenheit ein bißchen persönlich bemühen. Nicht bloß so: „hier steh’ ich, der Burggraf Hanns von Hellingen auf Hellingenau, und nun treten Sie mal an, Freifräulein Brigitte,“ sondern den Galanteriedegen eingesteckt und fein Komplimente gedrechselt: junge Mädels haben manchmal Flausen im Kopf und wollen erobert sein! Im übrigen aber brauch’ ich Dir wohl kaum zu sagen, daß Du in meinem Hause willkommen bist, also los und Weidmannsheil!“

„Weidmannsdank, Schwager Heino,“ erwiderte der Graf von Hellingen und schüttelte dem Freiherrn von Bergkem die Hand. — — — —


Am nächsten Tage aber, als es wieder auf den Abend ging, lag einer auf dem schmalen Wiesenrain neben dem Roggenfeld, krampfte die Hände in den weichen Grund und bäumte sich in lautlosem Weh. Ganz still hatte er sich aus der weiten Halle zurückgeschlichen. Den schmalen Pfad zwischen wogenden Kornhalmen entlang, den sie damals gewandert waren. Und an dem Flecke, an dem er die blonde Brigitte zum ersten Male gesehen hatte, übermannte ihn jählings der Schmerz, fiel ihm lähmend in die Glieder, so daß er sich kraftlos niedertun mußte, wie das armselige Stück Wild, dem ihr Weidwerken gegolten hatte ...

Am frühen Nachmittage hatte er sich aufgemacht, um endlich eine Entscheidung zu haben in all seiner Not und Pein, den wohlbekannten Weg entlang am Ufer des Stradauner Sees, über die kahlen Hügel mit den dürftigen Wacholderbüschen, durch hochstämmigen Tannenwald, bis endlich hinter dunkelgrünen Lindenwipfeln der verwitterte Turm des alten Hauses aufragte. Je näher er aber seinem Ziele kam, desto mehr verlangsamte sich sein Schritt. All die Skrupel und Zweifel, mit denen er in schlafloser Nacht gerungen hatte, drückten ihm die Schulter und hingen sich an seinen Fuß, eigentlich war die Entscheidung ja schon gestern gefallen! Als die blonde Brigitte ihm auf der Freitreppe die kühle Hand reichte: „Gute Nacht, Herr Brenitz!“ Tags zuvor die Abschiedsworte hatten anders gelautet ...

Er allein trug sicherlich die Schuld, irgend etwas hatte er bei ihr verfehlt, aber vielleicht war’s mit einem abbittenden Worte wieder gut zu machen, auch der Himmel verzieh ja einem reumütigen Sünder ... Oder ob er erst einmal mit der gütigen alten Dame sprach, ihr sein ganzes Herz ausschüttete, um aus ihren Händen sein Urteil zu empfangen? Was er eigentlich wollte, wußte er vielleicht selbst nicht, nur eine übermächtige Sehnsucht lenkte seinen Schritt, ein dumpfer Trieb, in der Nähe der Einzigen zu sein, die sein alles, sein Leben, sein Schicksal war ...

Der weite Hofraum lag wie ausgestorben, kein Mensch hielt ihn auf, als er in die weite Halle trat, und mit klopfendem Herzen blieb er stehen, denn irgend eine Entschuldigung mußte er sich doch ausdenken für sein ungeladenes Erscheinen ...

Draußen auf der Parkveranda waren Gäste, dieselben, die der lange Heino noch vor wenigen Tagen so lustig verspottet hatte. Jetzt aber stand er mit feierlichem Gesichte neben seiner Schwester, schüttelte dem, den er scherzend „das gräfliche Elefantenküken“ genannt hatte, die Hand und wandte sich mit einem aufleuchtenden Blicke zur Mutter. Der große Hanns aus Hellingenau aber strahlte übers ganze Gesicht, reckte die breite Hand nach Brigittes zarter Schulter und küßte sie mitten auf den roten Mund ...

Und Peter Brenitz stand hinter dem Fenster wie ein Zaungast, nickte bloß und sagte: recht so! Die breite Hand griff auch nach seinem Herzen, preßte es langsam zusammen, bis der letzte Blutstropfen verspritzte und alles taub und leer geworden war ...