Einen Augenblick lang wollte es ihm scheinen, als flöge über Brigittes zarte Schultern unter dem Griffe der breiten Hand ein jäher Schauer des Widerwillens, schon hob er den Fuß, um mit lautem „Halt ein“ dazwischen zu springen, aber seine kurzsichtigen Augen hatten ihm wieder mal einen Streich gespielt. Die blonde Brigitte bog lächelnd den Kopf in den Nacken, bot willig dem Verlobten den kirschroten Mund ...
Da blickte Peter mit wehem Lächeln zu einem Bilde auf, das zwischen vielen anderen in der weiten Halle hing. Einen aufrechten Herrn stellte es vor in der Uniform des zweiten Garderegiments mit dem Eisernen Kreuz auf der Brust, dem gleichen schwarzen Kreuze, das auch fern in Berlin ein anderes Bildnis schmückte. Und wie hatten die Worte gelautet, die an dieser Stelle vor ein paar kurzen Tagen gesprochen worden waren? „Der da dort oben, mein lieber Herr Brenitz, hat Ihnen hier einen ganz besonderen Empfang bereitet ...“ Ein leises Aufstöhnen kam aus seiner Brust, er wandte den Fuß und ging still den Weg zurück, den er gekommen war ...
Drei Tage später saß er wieder in Berlin, mit kurzem Urlaube nur vorläufig, „in dringenden Familienangelegenheiten,“ aber der Arm seines einflußreichen Oheims reichte weit. Vielleicht gelang es mit seiner Hilfe, den Urlaub in eine Versetzung zu wandeln. Irgend wohin, nur möglichst weit fort von der Stätte, an der er einen kurzen, jäh abgerissenen Glückstraum geträumt hatte ...
Und der alte Herr schien gar nicht erstaunt zu sein, ihn nach so kurzer Frist schon wiederzusehen. Er empfing ihn freundlich, hörte aber ein wenig zerstreut zu. Vielleicht, weil ihn eigene Sorgen beschäftigten, vielleicht aber auch, weil er längst schon aus zuverlässiger Berichterstattung die Erlebnisse des Neffen kennen mochte. Die Firma Samuel Brenitz sel. Witwe Söhne hatte ihren Sitz zwar in Berlin, ihre letzten Verästelungen jedoch liefen weit in die Welt hinaus. In das entlegenste Nest deutscher Erde ebenso gut wie nach London, Paris, New York und Shanghai; der alte Herr im kleinen Kontor der Behrenstraße brauchte nur auf einen Knopf zu drücken und eine vieltausendarmige, geheimnisvolle Maschinerie setzte sich in Bewegung, um ihm in gemessener Frist die gewünschte Auskunft zu bringen ..
„So so, mein Söhnchen, das Klima bekommt Dir nicht da unten in Ostpreußen? Ja, es weht dort manchmal ein rauher Wind, na, und wie ist’s nun? Möchtest Du bei der Gelegenheit nicht die Juristerei gleich ganz an den Nagel hängen? Da drüben an dem Pulte war mal der Platz Deines Vaters. Der Stuhl ist noch immer frei und wartet auf Dich.“
„Lieber Onkel,“ sagte Peter, „meine Unpäßlichkeit hat doch nichts mit meinem Berufe zu tun!“
„So, nichts? ... Schade! Die geborene Guggenheimer setzt mir so zu, daß sie mich wohl bald unter der Erde haben wird, und wenn ich dann da oben, fein in Oel, neben all den Brenitzen hänge, die seit Friedrich Wilhelm dem Zweiten hier für die Firma gearbeitet haben, hätte ich gerne hier wieder auf einen Brenitz gesehen ... na, ist gut!“
Der alte Geheimrat fuhr mit der gepflegten Hand leicht über die Augen und richtete sich lebhaft auf.
„Weißt Du das Neueste, was sie ausgeheckt hatte, um sich so recht in ihrem schwiegermütterlichen Glanze sonnen zu können? Ein großes Verlobungsdiner im Kaiserhof, zu dem von überallher alle irgendwie auffindbaren Krotthelme geladen waren. Es war sehr fein, sogar ein richtiggehender Hofmarschall wurde in den Zeitungen „unter den Anwesenden bemerkt“. Mich hatte die geborene Guggenheimer auch eingeladen, aber ich glänzte durch Abwesenheit.“