Damit war Peter entlassen und ging langsam nach dem alten Hause in der Wilhelmstraße zurück, das er, kaum mehr als zehn Tage war es her, verlassen hatte, und das ihm nun wieder, wenn nicht alle Zeichen trogen, zur dauernden Heimat werden sollte.
Ein Gefühl des Geborgenseins überkam ihn in den altvertrauten Räumen, in denen jedes Stück seine besondere Geschichte hatte, und wenn er in dem breiten Lehnsessel an seinem Schreibtische saß, drüben an der Wand die Bilder der Eltern, war ihm zumute, als wäre er nie fort gewesen. Die Ereignisse dieser letzten Tage waren nicht mehr als ein wüster Traum, der mit dem Erwachen sein Ende fand, bis ein jäh einsetzender Schmerz in der Brust ihn wieder eines Besseren belehrte. Dann litt er stets unter einer seltsamen Einbildung. Eine riesige Faust griff nach seinem Herzen, preßte es langsam zusammen, bis der letzte Blutstropfen entwichen war ..
Und wenn er, ein wenig ruhiger geworden, an diese letzten Tage zurückdachte, wunderte er sich darüber, wie gut es ihm gelungen war, alle Welt darüber zu täuschen, wie es in ihm aussah. Am nächsten Vormittage nach seinem letzten heimlichen Besuche in Przygorowen traf er mit dem langen Heino auf dem Gericht zusammen und erfuhr als neueste Neuigkeit, was er tags zuvor mit eigenen Augen gesehen hatte, die Verlobung Brigittes mit dem jungen Grafen von Hellingen.
Da bekam er’s fertig, mit einem Lächeln seinen Glückwunsch auszusprechen und zu bemerken, etwas ähnliches hätte ihm schon bei seinem ersten Besuche geahnt. Leider aber müßte er sich’s versagen, persönlich zur Gratulation zu erscheinen, denn eine dringliche Familienangelegenheit riefe ihn für einige Tage nach Berlin.
„Ach,“ sagte der lange Heino, „wie schade! Ich hatte mich schon so darauf gefreut, Sie heute nachmittag mit hinauszunehmen, denn mein Schwager Hanns hat eigentlich ein Anliegen an Sie. Er wollte sich bei Ihnen entschuldigen, weil er nämlich noch vorgestern die Absicht hatte, Ihnen aus Eifersucht ans Leder zu gehen!“
Peter lachte hell auf: „Aus Eifersucht auf mich?“ Und Heino stimmte fröhlich ein:
„Ja, denken Sie sich bloß, wie ulkig! Aber ich gemeiner Kerl ließ ihn in dem Glauben, denn er war in der letzten Zeit in seiner Werbung ein bißchen lasch geworden, meine Schwester grämte sich schon.“
„So, so,“ erwiderte Peter. „Ihr Fräulein Schwester grämte sich. Nun, dann bin ich wohl der ganz unschuldige Stifter ihres Glückes geworden?“
Und der lange Heino hieb ihn lustig auf die Schulter: „Unschuldig, das ist das rechte Wort! Na, das werden wir nach Ihrer Rückkehr gehörig begießen.“ Sie schüttelten sich die Hände, und Peter machte sich an die Abfassung seines Urlaubsgesuches. Mit der festen Ueberzeugung, daß er ein rechter Narr gewesen war, als er noch an allerhand dunkle Machenschaften glaubte, die sich um seine Persönlichkeit woben. Der lange Heino stand vollkommen entschuldigt da, und auch für die paar kurzen Augenblicke auf der Diele der armseligen Tagelöhnerwohnung, auf denen all seine verwegenen Hoffnungen emporgeschlagen waren, stellte sich jetzt eine angemessene und zwanglose Erklärung ein. Die blonde Brigitte grämte sich, also war es da ein Wunder, wenn sie den trägen Bewerber zu ärgern und durch ein wenig Eifersucht anzustacheln gedachte? ...
So entschuldigte er, wie es seine sanfte Art war, die Handlungen der anderen vor dem eigenen Gewissen, putzte mit verstehendem Erklären an ihrem Bilde herum, bis es in glänzender Reinheit erstrahlte. Er selbst aber erhoffte die Genesung von einem raschen Ortswechsel. Wenn nichts mehr um ihn war, was ihn an die törichten Träume erinnerte, würde es ihm leichter werden, zu vergessen ...