Und im allerletzten Grunde war es doch eigentlich eine recht alltägliche Geschichte, die ihm da passiert war. Er hatte sich in eine junge Dame verliebt, ohne zu wissen, daß sie halb und halb schon einem anderen versprochen war. Kein Mensch auf der Welt, am allerwenigsten aber die zukünftige Gräfin Hellingen, hatte eine Ahnung, daß der Doktor juris und Referendarius Peter Brenitz an einem Juninachmittag einen törichten Dummejungentraum geträumt hatte! Brigitte Edle und Freiin von Bergkem-Przygorowski aus dem Hause Bergheim und der jüdische Referendar Peter Brenitz ... Zum Lachen war es wahrhaftig, wenn es nur nicht so unsäglich wehe getan hätte!

Aber auch dagegen gab es ein Mittel. Man nahm sein Herz in beide Hände, schrie es gröblich an, und wenn es gehörig eingeschüchtert war, bewies man ihm mit klaren Vernunftgründen, wie albern es wäre und ganz und gar unwürdig, sich nun für alle Zeiten so töricht zu benehmen, wie damals an jenem Juninachmittag. Das half dann wohl für ein kurzes Weilchen. Ehe man sich aber recht versah, war es auf und davon, flog den altbekannten Weg entlang, der am schilfumrahmten Seeufer führte, über kahle Hügel und schweigenden Tannenwald bis zu dem schmalen Wiesenrain neben einem fahlgrünen, schütternen Roggenschlag. Und dort stand eine, das Gewehr unter dem Arm ... Frei hob sich der prächtige Kopf aus den Schultern, und die blauen Augen leuchteten in stolzem Triumph ... Da gab man als der Klügere natürlich nach und flog mit, vergaß alle törichte Vernunft und hob ein seliges Träumen an. Wie herrlich alles hätte kommen können, wenn es nicht eben anders gekommen wäre ...

Aber die Tage kamen und gingen, ganz allmählich wurden diese Ausflüge seltener, zu Zeiten gab es lange Stunden, in denen er sich einbildete, er wäre genesen: die Arbeit hatte sich als ein gar kräftiges Heilmittel erwiesen! Wenn er vormittags sein Pensum auf dem Gerichte abgesessen hatte und nachmittags all die vielfältigen Geschäfte der von seinem Vater begründeten Wohltätigkeitsanstalten besorgt, die ihm als ein selbstverständliches Erbteil zugefallen waren, sank er abends müde ins Bett, fand keine Zeit mehr zum Grübeln und Denken und Unglücklichsein. Im ewigen Einerlei der Tage aber fingen die Bilder der Erinnerung an zu verblassen, und ganz in der Ferne, wenn man sich einmal daran machte, den Blick in die Zukunft zu schicken, tauchten neue Bilder auf. Ein unscheinbares Mädchen ohne sonderliche Vorzüge, das aber von dem Schicksal der älteren Schwester gelernt zu haben schien, still und ernsthaft geworden war. Tausend vernünftige Erwägungen drängten zu dieser Verbindung, dann aber kamen wieder Zeiten, in denen das dumme Herz sich törichter gebärdete denn je, tage- und nächtelang ohne Urlaub abwesend war und um einen schmalen Wiesenrain gaukelte oder um ein altes Gemäuer mit ragendem Wartturm hinter grünenden Lindenwipfeln ... Sei es, daß an Herrn Meltzer ein Brief gekommen war mit dem Poststempel Stradaunen, oder daß sein Herr im Gewühl der Straßen einem jungen Mädchen begegnet war, das in Erscheinung und Haltung der blonden Brigitte glich ... Dann empfand er mitten gegen die Brust einen dumpfen Schlag, das Blut lief ihm heiß durch die Adern, und eine innere Stimme raunte ihm zu, daß die Stradauner Zeiten noch lange nicht abgetan und vergangen waren — — — — —

V.

Es ging schon auf zwei Uhr nach Mitternacht, sie kamen aus dem Klub von 1898 und schritten quer über die Linden der stillen Wilhelmstraße zu. Das Wetter war umgeschlagen, der linde Vorfrühlingsabend hatte sich plötzlich wieder in kalten Winter gewandelt.

Vor einem alten Hause mit hohem Torbogen blieb Peter Brenitz stehen und zog den Schlüssel aus der Tasche. In sein schmales Gesicht trat ein eigentümlicher Ausdruck, halb Mitleid, halb zornige Verachtung.

„Na, gute Nacht, Kollege Bergkem, ich bin daheim! Und was nützt alles Reden? Morgen abend schießen Sie sich ja doch ’ne Kugel vor den Kopf!“

„Donnerwetter noch mal, Brenitz“ — der andere fuhr jählings zusammen und schleuderte seine Zigarette in weitem Bogen auf die Straße — „was fällt Ihnen ein? Sie waren doch früher nicht so bösartig! Sind Sie vielleicht plötzlich ein bißchen verrückt geworden?“

„Durchaus nicht! Sie haben heute Ihr letztes Geld verspielt. Morgen fallen Sie glatt im Examen durch und am Abend, schätze ich, werden Sie aus diesen beiden Prämissen die Schlußfolgerung ziehen!“

„Und das sagen Sie mir so brutal ins Gesicht?“