„Ah so, pardon, ich vergaß. Noch immer „inferiore Spezies des Menschengeschlechts“, und Sie haben’s gut! Können sich ausschlafen, so lange Sie lustig sind. Ich armes Huhn aber muß morgen früh ins Examen steigen!“
Der lange Heino steckte die zusammengeknüllten Banknoten lässig in die Westentasche, hob zwei Finger der Rechten an die Hutkrempe und ging mit hallenden Schritten die stille Straße entlang. Peter Brenitz aber sah ihm nach, bis die hohe Gestalt sich im Dunkeln verlor, und seufzte schwer auf.
„Sagen Sie mal, Kleiner, womit verdiene ich eigentlich all diese rührende Fürsorge?“ So oder ähnlich hatten die hochmütigen Worte gelautet. Er aber hatte dabei gestanden wie ein auf verbotenem Tun ertappter Schuljunge, statt frei und frank die Augen aufzuheben: „Sie haben recht, Herr von Bergkem, an Ihrem Schicksal liegt wenig, wer so frivol dahinlebt, ist wert, daß er zugrunde geht. Aber da unten tief im Ostpreußischen sitzt ein Mädel, das mir teurer ist als mein eigenes Herzblut, und dem stehlen Sie mit Ihrem bodenlosen Leichtsinn das bißchen Leben! Und der Teufel hat Sie mir wieder in den Weg geführt, ich hatte mich schon leidlich zurechtgefunden ... Verrückt, verrückt, verrückt! ...“
Er schrak zusammen, denn von der anderen Seite der leeren Straße kam der Widerhall seiner eigenen Worte zurück wie kicherndes Lachen aus hämischen Mäulern. Ein Frösteln zog ihm über den Rücken, er schloß die Haustür auf und stieg hastig die Treppe zu seiner Wohnung empor. Als er aber wieder in seinem hellen Schreibzimmer saß unter den gütigen Augen des Vaters, die von der Wand auf ihn herabsahen, fing er an zu grübeln und zu überlegen, wie er dem in Bedrängnis geratenen Freunde wohl helfen könnte, ohne sein empfindliches Zartgefühl zu verletzen ...
Sechs Monate waren es ungefähr her, seit er den langen Heino zum ersten Male wiedergesehen hatte nach dem kurzen Abschiede auf dem Amtsgericht in Stradaunen. Eines Mittags, als er in müßiger Stunde die Linden entlang schlenderte, legte sich ihm von hinten eine Hand auf die Schulter: „Tag, Brenitz, und wie geht’s denn immer, alter Kampfgenosse?“
Schon an der Stimme hatte er ihn wiedererkannt und wandte sich in freudiger Ueberraschung um. Aber es war nicht mehr der lange Heino von damals, mit den ein wenig schlaksigen Bewegungen und dem gutmütig-lustigen Jungengesicht, sondern ein ausgewachsener Mann, selbstbewußt und sicher, und um die früher so schalkhaften Augen ein müder, verdrossener Zug ...
„Herr von Bergkem! Was führt Sie denn nach Berlin?“
„Das leidige Examen! Und sehen Sie mich nicht so verwundert an, man kommt in die Jahre, wenn man das Tempo ein bißchen beschleunigt. Sie sind in den zwei Jahren seit Stradaunen ja auch nicht viel jünger geworden.“
Ein paar Minuten später stießen sie auf das frohe Wiedersehen an.
„Prosit, Herr von Bergkem!“