„Ja, aber! ... Wenn ich mich recht entsinne, war Fräulein Brigitte damals doch verlobt?“

„Die Verlobung ist wieder zurückgegangen!“

„Was Sie sagen!“

Der lange Heino stürzte den Rest seines Glases hinab.

„Positiv auseinander und nicht mehr zu leimen! Wissen Sie, der große Hanns aus Hellingenau war natürlich kein Säulenheiliger, trieb’s vielleicht ein bißchen toller als die anderen. Ein forscher Kerl war er, kein großes Kirchenlicht, aber, Du mein lieber Gott, „Burggraf von Hellingen“ — na, Sie haben ihn ja damals gesehen — die Frauenzimmer liefen ihm nach, und mit einer gab’s ein Unglück, sie ging ins Wasser. ’ne kleine Gouvernante, die bei seinem Oberförster die Gören unterrichtete ... zu blöd! Also die Sache wurde ruchbar, irgend so ein vertrackter Dorfschulmeister schrieb sie der Hartungschen Zeitung, und, bems, war das Unglück fertig! Es gab einen großen Skandal. Fräulein Brigitte von Bergkem heulte sich erst ein paar Tage lang gründlich satt, dann aber schickte sie einen reitenden Boten nach Hellingenau mit ’nem Brieflein, in dem der gräfliche Verlobungsring lag, eingewickelt in ein paar geschwollene Redensarten. Und nichts war zu machen. Die Mutter redete ihr zu, ich sprach ein paar deutliche, der Veranlassung angemessene Worte, und der Hellingen, der Riesenkerl, kniete vor ihr, weinte wie ein kleines Kind, schlug sich mit der groben Ritterfaust gegen die Brust, schwor bei Tod und Teufel, er würde sich bessern. Alles umsonst, Fräulein Brigitte stand da wie ein Bild aus Stein, wandte sich schließlich mit ’ner Gebärde des Ekels ab und ging langsam auf ihr Zimmer! Na, reden wir nicht mehr davon! Die Galle steigt mir noch heute ins Blut, wenn ich nur daran denke.“

Es bedurfte gar nicht der Aufforderung, denn Peter hatte Mühe genug, den Sturm zu meistern, der in seinem Innern losgebrochen war. Der Tor, der er damals gewesen war. Der feige Narr, daß er sich versteckt hatte, um still sich einem weichlichen und weibischen Wehgefühl hinzugeben, statt die Faust auszurecken: „Hollah, hier steh ich! Und ich bin mehr wert als Du, denn meine Hand ist rein!“ Die gütige Vorsehung, die ihm bis dahin den Weg gewiesen, hatte ihm auch den Sieg bereitet. Der andere verstrickte sich selbst in seiner häßlichen Unreinheit, er aber war dem Kampfe feig ausgewichen ...

Der lange Heino saß mit finsterem Angesicht da, stürzte ein Glas Sekt nach dem andern hinunter, und nach einer Weile fing er wieder an zu sprechen.

„Sehen Sie, lieber Brenitz, Sie haben ja damals einen Blick in unsere Verhältnisse getan: es ging höllisch knapp zu, kaum das standesgemäße Sattessen war aus Przygorowen herauszuwirtschaften; jedes schlechte Jahr aber brachte eine neue Hypothek auf das alte Dach. Und das sollte mit einem Schlage anders werden, denn der Hellingen wollte unsere zweitausend Morgen, für einen Phantasiepreis natürlich, zur Abrundung seines Besitztums ankaufen. Wie früher schon immer die Hellingen, wenn die Bergkems schlecht gewirtschaftet hatten, aber bei ihm war es was anderes. Denn die letzte Bergkem trat ja in sein Haus. Die Mutter war einverstanden, ich war einverstanden, denn was konnte uns Besseres passieren? Die auskömmlichen Zinsen wären dagewesen, und ich hätte ein großes Tier in der Verwaltung werden können, womöglich Minister. Und lachen Sie nicht, denn was gehört dazu? Herkunft, Ehrgeiz, heller Kopf mit dem Blick für das Notwendige und Unabhängigkeit von dreckigen Sorgen. Die Zähne muß man zeigen können, wenn man sich durchsetzen will, um Gottes willen nur keinen krummen Buckel — der ist bloß für die kleinen Geister gut! Alles also wäre vorhanden gewesen, und da muß das Malheur passieren! Stellt sich hin, das kleine Freifräulein, und spielt nicht mehr mit. Ein Mädel, das auf dem Land aufgewachsen ist, bei uns in Ostpreußen. Will barmherzige Schwester werden, weil der Zukünftige einen Rückfall ins alte Herrenrecht gehabt — weiß der Teufel, was ihr den Kopf verdreht hat. Na, also aus, erledigt. Ich lern’ jetzt wieder auf Rechtsanwalt, weil’s zur Regierung natürlich nicht langt, und zu etwas muß das große Mundwerk doch gut sein, zum Geldverdienen! Na, prost, Brenitz, auf vergnügte Konkurrenz!“

Er hob sein Glas, und Peter tat mit zerstreuter Miene Bescheid. Sein Herz war schon längst wieder unterwegs, gaukelte irgendwo herum am schmalen Wiesenrain oder in einem alten Hause unter grünen Linden ... er glaubte zu wissen, was dem „kleinen Freifräulein den Kopf verdreht hatte“, ein paar kurze Minuten auf der Diele der armseligen Tagelöhnerwohnung standen ihm ja noch recht gut im Gedächtnis ...

Der lange Heino hatte eine neue Flasche bestellt, der zweiten folgte eine dritte, als sie endlich aufstanden, hatten sie heiße Köpfe. Weil sie sich aber noch nicht trennen mochten, faßten sie den Plan, gemeinschaftlich ein Theater zu besuchen, nur Peter hatte noch vorher in dem Klub, in dem er zu Mittag aß und seine Zeitungen zu lesen pflegte, eine kurze Besprechung zu erledigen. Als er aus dem Schreibzimmer trat und sich nach seinem Freunde umsah, saß dieser an dem runden Tische der hohen Pokerpartie und spielte mit: einer der Jeu- und Rennleutnants, der ihn von Königsberg her kannte, hatte ihn eingeladen! Da machte Peter sich Vorwürfe, daß er nicht an Heinos Leidenschaft gedacht hatte, aber das Unglück war einmal geschehen und nichts mehr daran zu ändern. Nur ging’s diesmal noch glimpflich ab, denn Heino gewann. Gewann unaufhörlich, und als er merkte, daß die Karte gegen ihn zu schlagen begann, hörte er auf. Aus dem gemeinschaftlichen Theaterbesuch war natürlich nichts geworden, als sie wieder auf der Straße standen, ging es schon auf Mitternacht.