„Also denn nein!“ Der Oberverwaltungsgerichtsrat von Hegelingen richtete sich auf und schob den Zeigefinger mit dem Wappenring in die Weste. „Wer so ruchlos und freventlich ...“
Weiter kam er nicht, denn Heino fiel ihm mit einem bittern Auflachen ins Wort.
„Lieber Onkel, laß sein! Zum Wüstenprediger fehlt Dir jeder Beruf! Spielen tust Du auch, Deine patentierte Frömmigkeit hält Dich nicht davon ab, zuweilen ein leckeres Früchtchen von dem verruchten Giftbaum der Börse zu pflücken, und das übrige, der sogenannte lasterhafte Lebenswandel? Lieber Onkel Reineke, mancher treibt ihn noch in seinem hohen Alter, aber selbstredend nur zu Studienzwecken und um sich hinterher sittlich über das wohlgefällig Gesehene zu entrüsten! Und nun gehab’ Dich wohl, mehr haben wir uns in diesem Leben wohl nicht zu sagen!“
Onkel Reineke sprang erst zur Tür des Nebenzimmers, um sich zu vergewissern, daß seine Tochter wieder einmal gelauscht hatte, dann hob er die Hand mit dem Wappenring und donnerte so laut wie es sein Asthma zuließ: „Hinaus! Hinaus! Du schnöder Verleumder, der sich nicht entblödet, ernsten Männern unsittliche Motive unterzuschieben, wenn sie in den Höhlen des Lasters ...“
„Sich auch mal amüsieren wollen,“ vollendete Heino, als dem andern der Luftmangel die Stimme abschnitt, „und streng Dich nicht an! Pathos unter zweien, die sich gut kennen, ist unnütze Kraftverschwendung. Ich wünsche Dir herzlich, Du sollst auch mal irgendwo eine Viertelstunde lang um Dein Leben betteln, aber hab’ keine Angst, dieser Wunsch geht, wie alle frommen Wünsche, nicht in Erfüllung. Du bist ein braver Mann und wirst mal im Herrn sterben!“
Draußen vor der Tür spie er heftig aus, und es war ihm ordentlich leicht zumute, daß er nach der heimtückisch vorbereiteten Ablehnung sich nicht noch weiter in nutzlosen Bitten gedemütigt hatte. Lieber zu einem Wucherer gehen und Blutzinsen zahlen, als jeden Hundertmarkschein mit einer Erniedrigung zu erkaufen ...
Es dunkelte schon, als Heino die Treppe zu seiner Wohnung emporstieg. Müde und zerschlagen und in einer Art gleichgültigen Stumpfsinns, denn alle Versuche, wenigstens die Summe aufzutreiben, die er am Abend zurückerstatten mußte, waren vergebens gewesen. Den einen der in der Lebewelt bekannten Wucherer hatte er nicht zu Hause getroffen, der zweite mußte erst Erkundigungen einziehen, und der dritte wollte das Geld in emaillierten Kochgeschirren und einem fehlerfreien Damenreitpferd beschaffen, falls der Herr Baron für den Wechsel noch eine zweite, einigermaßen sichere Unterschrift beibrächte.
Damit war ihm nicht gedient, denn der Klubkassierer hatte ihm ja keine Kochgeschirre geliehen, sondern bare zweitausend Mark, und die waren gegen zehn Uhr abends, der üblichen Klubstunde, fällig auf Ehrenwort. Also blieb nichts anderes übrig, als mit einer plausiblen Ausrede einen Aufschub zu erbitten, um morgen früh die Jagd nach den paar tausend Mark von neuem zu beginnen. Der bequeme Weg aus allen Sorgen und Nöten, an den er noch vor wenigen Stunden leichtfertig gedacht hatte, war jetzt ja, nach dem Briefe der Mutter, verriegelt für alle Zeiten ...
In dem halbdunkeln Zimmer stand einer vom Sofa auf, der dort wohl auf ihn gewartet hatte. Er mußte erst näher hinzutreten, um das Gesicht zu erkennen: der Kollege Brenitz! Er drehte das Licht auf und sagte in einem Tone, der scherzhaft klingen sollte: „Na, Kollege, wollen Sie mir kondolieren? Und entschuldigen Sie mich gütigst, daß ich Ihnen die dreihundert Mark nicht zurückgeben kann, aber ich bin nach meinem Desastre vor der hohen Prüfungskommission noch nicht recht zu mir gekommen.“
Peter trat ein wenig näher.