„Ah, pfui Teufel über mich!“
Der lange Heino griff in die leere Luft, schwankte einen Augenblick und stürzte wie ein gefällter Baumstamm zu Boden. Eine Weile lag er regungslos, dann schrie er auf und stoßweises Schluchzen erschütterte seinen mächtigen Körper. „Ich Lump, ich Vieh, und speit mich an, alle, die Ihr herumsteht, ich habe meine Mutter gemordet. Wie ein brünstiges Tier rannte ich hinter meiner Leidenschaft her, ihr aber brach langsam das Herz ...“
Wie von Sinnen gebärdete er sich, riß die Haare und krallte die Nägel in den Teppich. Peter Brenitz aber kniete ratlos daneben, streichelte ihm den Kopf und sprach allerhand Worte, von denen er annahm, daß sie dem andern ein Trost sein könnten. Er trocknete ihm die Augen, wischte ihm den Schaum vom Munde, tröstete und barmte, bis er den Verzweifelten allmählich vom Boden in einen Stuhl brachte. Dann aber rüttelte er ihn an der Schulter.
„Jetzt nehmen Sie sich zusammen, Heino, in anderthalb Stunden geht Ihr Zug. Ihre Schwester steht ganz allein da und hat außer Ihnen keine Hilfe!“
Heino stöhnte ratlos auf: „Ich ... ich ...“
„Ja, ich weiß. Sie haben mir’s schon vorhin gesagt, daß Sie in all dem Wirrwarr keine Zeit hatten, auf die Bank zu gehen, aber was liegt daran? Wenn Sie zurückkommen, geben Sie’s mir wieder. Die Geschichte mit dem Klubkassierer bringe ich gleich nachher in Ordnung, und hier sind zweitausend Mark — Sie müssen entschuldigen, aber mehr habe ich nicht bei mir. Ich schicke morgen einen Kranz, vielleicht haben Sie die Güte, ihn auf das Grab Ihrer Frau Mutter zu legen. Sie war gut und freundlich zu mir, und es tat mir damals von Herzen leid, daß die Verhältnisse mich nötigten, nach so kurzer Bekanntschaft wieder fortzugehen.“
Heino hatte mit einer mechanischen Bewegung das Geld in die Tasche geschoben, eine ganze Weile saß er schweigend, nur seine Brust hob und senkte sich in mächtiger Bewegung.
„Womit verdiene ich das alles bloß?“ Es klang fast wie ein Aufschrei. Peter Brenitz aber lächelte nur trübe.
„Das haben Sie mich, wenn ich mich recht erinnere, schon einmal gefragt, als ich mich wie ein Pharisäer über Sie erhob. Und da ist mir nachher eingefallen, es wäre vielleicht manches besser auf der Welt, wenn die Menschen einander nicht immer so viel nachrechnen wollten. Im guten nicht und nicht im bösen ...“
Der lange Heino atmete tief auf und zog den andern in seine Arme, sah ihm fest in die Augen.