„Es ist gut, Peter Brenitz, wollen nicht rechnen, sonst ständ’ ich vielleicht noch kläglicher da. Aber der Teufel hol’ mich, wenn ich Dir diese Stunde jemals im Leben vergesse!“ — — —

Peter hatte den Freund zur Bahn gebracht und, während sie in der weiten Halle auf und nieder schritten, um den Zug zu erwarten, manches mit ihm besprochen, was die nächste Zukunft anging. Heino, wie immer rasch von Entschluß, hegte die Absicht, den ihm ohnedies wenig zusagenden Beruf des Juristen an den Nagel zu hängen und sich der Bewirtschaftung des heimatlichen Gutes zu widmen. Diesen Entschluß hielt er in seiner Lage für den einzigen Weg, sich und der Schwester eine bescheidene Existenz zu gründen, während ein schleuniger Verkauf bei der Lage der Verhältnisse zu einem gänzlichen Zusammenbruche führen mußte. Peter jedoch widersprach eifrig und führte allerhand Gründe ins Feld, die diesen Plan wenig aussichtsvoll und verlockend erscheinen ließen. Zum ersten verstände Heino doch wohl nicht genug von der Landwirtschaft, um sich an eine so schwierige Aufgabe zu wagen, zum zweiten aber wäre er nicht der Mann, bei so mühseliger und wenig Ertrag verheißender Arbeit auszuharren. Anlage und Begabung wiesen ihm vielmehr den Weg zu einer anders gearteten Tätigkeit, zu irgendeinem freien Berufe, mitten im modernen, großzügigen Erwerbsleben, in dem er all seine reichen Gaben und Fähigkeiten voll entfalten könnte.

In Heinos blauen Augen leuchtete es auf, er sah sich schon an der Spitze eines riesenhaften Unternehmens, in dem er mit zäher Arbeit und frisch zupackender Energie ungemessene Werte schuf.

„Das wär’ schon was für mich, aber wo herkriegen und nicht stehlen?“

„Man müßte eben danach suchen,“ erwiderte Peter, „und wenn es zu Anfang vielleicht auch nur ein bescheidener Platz ist, so bietet er doch die Gelegenheit zu raschem Aufsteigen. Da geht’s danach, was einer leistet, nicht aber nach der Ochsentour der sogenannten Anciennität.“

Er hatte schon seinen Plan für die Zukunft des Freundes, nicht erst seit heute und gestern, ehe er aber seiner Sache selbst noch nicht sicher war, mochte er sich nicht näher darüber auslassen.

„Schön,“ sagte Heino, „aber meine Schwester? Ich kann das arme Ding mit seinem Kummer doch nicht in ein Pensionat sperren, wenn ich hier irgendwo als Lehrling anfange?“

Peter griff nach seinem Klemmer und sah ein wenig verlegen zur Seite, denn er wußte jetzt ganz genau, daß er in diesem Augenblicke höchst eigensüchtigen Zielen nachging.

„Fräulein Brigitte? Nun, was hindert Sie — entschuldige — was hindert Dich daran, mit ihr hier eine gemeinschaftliche Wohnung zu beziehen? Wenn ich mich recht erinnere, sprachst Du vor einiger Zeit davon, sie hätte die Absicht, sich der Krankenpflege zu widmen. Wo könnte sie diese Absicht besser verwirklichen als in Berlin? Niemand kennt sie hier, niemand fragt nach ihren Gründen, und falls ihr der Beruf eines Tages vielleicht nicht mehr zusagen sollte, wird’s ihr niemand verargen, wenn sie ihn wieder aufgibt.“

Und Heino hatte den Freund verstanden. Trotz allen schweren Kummers flog über sein Gesicht ein Lächeln.