„Das klingt nicht dumm und hat was für sich. Jedenfalls will ich’s ernsthaft mit ihr besprechen!“
Und unwillkürlich flogen seine Gedanken zu einer Stunde zurück, da er mit einer jetzt Dahingegangenen andere Pläne für Brigittes Zukunft geschmiedet hatte. Seither hatten sich die Zeiten gewandelt und sein Sinn mit ihnen. Was er damals mit schroffem Hochmute von sich gewiesen, erschien ihm heute als ein erstrebenswertes Ziel, denn der Kleine da neben ihm war ein herrlicher Mensch, ein besserer Edelmann vielleicht als mancher, der sich stolz mit den Verdiensten seiner Ahnen brüstete ...
Der Zug, der nach dem Osten führte, rollte donnernd in die weite Halle. Weißlicher Dampf erfüllte den hochgespannten Bogen. Gepäckträger und hastende Reisende drängten eilig zu den geöffneten Türen. Heino schlang dem Freunde den Arm um den Hals und küßte ihn auf den Mund.
„Leb wohl, kleiner Peter, Dank für alles! Und, wenn ich heimkomm’, darf ich grüßen?“
Er schwang sich auf das Trittbrett. Der andere aber suchte nach der passenden Erwiderung, bis der Zug sich schnaufend und fauchend in Bewegung setzte. Eine jäh aufsteigende Hoffnung war ihm ins Herz gedrungen und hatte ihm ein paar Augenblicke lang die Rede verschlagen. Nachdem er aber endlich die richtigen Worte gefunden hatte, war der Zug längst schon zur Halle hinaus, nur ein paar rote Laternen leuchteten noch im Dunkel auf, um bei der nächsten Biegung zu verschwinden. Der Bahnsteigbeamte zog an dem Signalmaste eine neue Tafel, neue Fahrgäste drängten sich in der Halle, jeder seinem Ziele zu. Peter aber stand noch geraume Zeit auf der Stelle, an der er von dem Freunde Abschied genommen hatte. Und seine Gedanken flogen dem eilenden Zuge voraus, an dem Ufer des Sees entlang, über kahle Hügel mit dürftigem Wacholdergestrüpp und schweigendem Tannenwald zu einem alten Hause unter ragenden Linden. Dort saß eine, lauschte dem Wehen des Frühlingswindes, der hier sein heimliches Werben trieb wie dort, und hielt mit bangem Herzen die Totenwacht am Bette der Mutter. Grämte sich und barmte in ihrer Verlassenheit und wußte vielleicht nicht, daß fern von ihr einer sich in Sehnsucht verzehrte, bereit, sein Leben hinzugeben, um auf das Gesicht der armen Prinzessin wieder ein Lächeln zu locken ...
Hinter einem der vergitterten Erdgeschoßfenster des Hauses Brenitz in der Behrenstraße war Licht. Der alte Herr Geheimrat saß einsam in seinem Privatkontor und sann irgendeinem weitausschauenden Plane nach. Aber die sonst so schaffensbereiten Gedanken fügten sich nur mühsam dem zwingenden Willen, ganz als wären sie müde geworden. Sie blieben schließlich an einem leeren Platze haften, zu dem einer trotz aller Mahnungen nicht den Weg finden wollte ..
Draußen im Flur erklang die Glocke. Der alte Herr hob überrascht den Kopf, und eine kurze Weile danach trat der auf die Schwelle, dem seine sehnenden Gedanken gegolten hatten. Und er nahm die plötzliche Erscheinung als ein gutes Zeichen für die Erfüllung seiner heimlichen Wünsche, aber er verbarg die unwillkürlich aufsteigende Bewegung hinter einem Scherzwort.
„Nanu, Peter? Wo brennt’s denn, daß Du so spät noch Deinen alten Onkel aufsuchst?“
Peter folgte nicht der einladenden Handbewegung, sondern blieb stehen. Und in einem Atem sprudelte er das Anliegen heraus, das ihn in das väterliche Stammhaus geführt hatte.
„Lieber Onkel, Du hast mich oft gefragt, ob ich nicht hier in diesem Kontor den Platz einnehmen wollte, an dem einmal vor Zeiten mein Vater gesessen hat. Ich selbst kann ihn nicht ausfüllen, denn mir fehlt alles, was dazu nötig wäre, aber ich wüßte Dir einen, der an meine Stelle treten könnte. Ein prächtiger Mensch, den der liebe Gott in einer besonders guten Stunde erschaffen hat, treu, offen und bieder, dabei aber von erlesener Klugheit. Wenn andere sich mühsam den Kopf zerbrechen, hat er längst schon die Lösung. Er war bisher Jurist, aber der eng umschlossene Beruf gewährt ihm wenig Befriedigung. Er sucht etwas anderes, wo er seine großen Fähigkeiten besser verwerten könnte.“