„Lieber Onkel,“ sagte Peter mit einem tiefen Aufatmen, „das ist das rechte Wort. Und wer weiß, ob mein Freund Heino ohne dieses doppelte Unglück sich bereit finden lassen würde, in irgend jemandes Dienste zu treten. Trotz seines Durchfalles ist er vielleicht ein besserer Jurist als alle, die neben ihm das Examen bestanden haben. Was aber seine Leidenschaft für das Kartenspiel anlangt, so glaube ich aus ganz besonderen Gründen, er ist geheilt für alle Zeiten. Seine Mutter hat sich’s so zu Herzen genommen, daß sie darüber vor Kummer und Gram gestorben ist.“
„Tut mir leid,“ erwiderte der Geheimrat Brenitz, aber es war ungewiß, was er damit meinte. Den Tod der alten Dame oder die Heilung des Freiherrn von Bergkem von seiner Leidenschaft. In der Schilderung des Neffen war manches, was ihn lockte, diesen jungen, so vielfältig begabten Menschen einmal anzusehen; wie es aber seine Art war, lenkte er das Gespräch in eine andere Bahn, um unterdessen Zeit zu reiflicher Ueberlegung zu finden. Und was hätte ihm wohl näher gelegen als die Ereignisse in der eigenen Familie?
„Apropos, hast Du in der letzten Zeit mal die geborene Guggenheimer gesehen? Nicht? ... Das tut mir leid, so klein ist sie nach der Scheidung geworden!“ Und er deutete mit der Rechten eine ganz unwahrscheinlich niedrige Entfernung vom Boden.
„Geht herum mit ’nem Gesicht, als wenn sie immer um Entschuldigung bitten wollte, und interessiert sich neuerdings für die Liste der unverheirateten Rechtsanwälte, was meiner Ansicht von vornherein das Richtige gewesen wäre. Leider um einiges zu spät, denn meine arme Aelteste hat erst den verfehlten Umweg über diesen adligen Herrn von Krotthelm nehmen müssen, um einzusehen, daß sie eine närrische Mutter hat, und ich bitte Dich — was ist das schon für ’ne Sorte Rechtsanwalt, unter der sie als Geschiedene jetzt noch die Auswahl hat? Keiner aus dem Tiergartenviertel und aus den alten Familien, denn die haben’s nicht nötig, ihre Frauen second hand zu kaufen. Also irgendeinen jungen Mann aus Breslau oder Posen oder noch weiter her. Und ich, der Geheimrat Brenitz, muß tief in den Geldschrank steigen, um seine Liebe zu wecken! ... Seit heute früh aber hat die geborene Guggenheimer einen neuen Sport. Sie sucht nach ’nem Lebensretter für meine Zweite, die Frida.“
„Verzeih,“ sagte Peter,„ aber das ist mir unverständlich.“
„Mir auch,“ erwiderte der Geheimrat, „aber sie sucht nach ihm und setzt mir zu, mich an diesen Recherchen zu beteiligen. Am liebsten hätte sie schon eine Annonce in ihrem Leiborgan losgelassen, aber ich hab’s ihr begreiflich gemacht, der, den’s angehen könnte, schiene mir seinem ganzen Verhalten nach kein gewerbsmäßiger Leser des Heiratsmarktes zu sein.“
„Nimm’s mir nicht übel, lieber Onkel, aber das Ganze ist mir ein Rätsel. Ist denn Frida irgendwie in Gefahr gewesen, daß Du von einem Lebensretter sprichst?“
„Mein Söhnchen,“ erwiderte der alte Herr, „die Gefahr — Gott behüte — würde vielleicht erst anfangen, wenn sie diesen sogenannten Lebensretter persönlich kennen lernte. Ganz trocken aber erzählt, liegt die Sache so. Meine Frau ist gestern nacht gegen zwei Uhr von einem Wohltätigkeitsfest bei Kroll durch den Tiergarten nach Hause gefahren. Unterwegs in der Lichtenstein-Allee hatten sie eine Panne, und allerhand Gesindel sammelte sich um den Wagen. Da kam mit einem Male ein elegant gekleideter junger Mann aus dem Dunkel, verdrosch das Gesindel und entfernte sich nach getaner Arbeit wie der Ritter im „Handschuh“ von Schiller. „Den Dank, Dame, begehr’ ich nicht!“ Das, muß ich sagen, hat mir sehr gefallen, denn sonst sind solche Herren meistens schnell bei der Hand, an der zuständigen Stelle die Quittung zu präsentieren.“
„Hm,“ sagte Peter nachdenklich, „wie sah denn dieser Lebensretter aus?“ Eine gewisse Uebereinstimmung in der Zeit hatte ihn stutzig gemacht und die nachträgliche Feststellung, daß der lange Heino ebenfalls gegen zwei Uhr nachts den Weg nach dem Tiergarten eingeschlagen.
„Wie er aussah?“ erwiderte der Geheimrat, „nun, da gehen die Schilderungen ziemlich weit auseinander. Meine Tochter Frida sagt einfach, wie ein „Held“, in der Erzählung der geborenen Guggenheimer ist’s ’ne Art Kreuzung des Apoll von Belvedere mit unserem Landsmann Simson, der seinerzeit die Philister schlug. Mein Chauffeur aber sagt, es wäre ein eleganter junger Mann gewesen in Zylinderhut und langem Paletot, und er hätte mit der Rotte Korah erst sein lustiges Späßchen getrieben, ehe er sich daran machte, sie zu verdreschen.“