Es waren schwere Tage, und mich drückten sie doppelt nieder, denn ich stand als ein Schuldbeladener an dem Sarge meiner Mutter, aber all meine Reue weckte sie nicht mehr auf. Auch kein Schwur, von jetzt an ein neues Leben zu beginnen. Ein einziger Trost hielt mich aufrecht: daß sie noch nicht allen Glauben an mich verloren hatte, als sie sanft hinüberging. Daß ich mein Examen nicht bestehen könnte, war ihr ein unmöglicher Gedanke, und den Verdacht, daß ich ein rettungslos in seine Leidenschaft verstrickter Spieler geworden wäre, hatte die gute Brigitte ihr wieder ausgeredet. Ich hab’ dem lieben Mädel die Hand geküßt, und ich glaube, ich bin in dieser Stunde ein anderer Mensch geworden. Auch vor Dir, lieber Peter, möchte ich mich nicht heftig verschwören, sondern nur sagen, Du darfst mich Deinem Herrn Oheim ruhig empfehlen. Ich will ihm ein treuer Mitarbeiter sein, soweit es in meinen Kräften steht, und hoffe, mir seine Zufriedenheit zu erwerben.
Zu dem Begräbnis war, was man so sagt, der gesamte Adel der Umgegend erschienen. Es war wenig echte Teilnahme dabei, aber viel Neugierde. Die meisten waren wohl gekommen, um zu sehen, was der durchgefallene Heino Bergkem für ein Gesicht machen wird bei dem gänzlichen Zusammenbruch seines Hauses. Da war mir Dein lieber Brief eine rechte Stütze, ich trug meinen Kopf hoch und konnte auf alle mitleidigen Fragen nach meinen Zukunftsplänen eine den Hörern mißliebige Antwort geben. Ich träte als nationalökonomischer und juristischer Beirat in ein großes Berliner Bankhaus, gegen Gehalt und Tantième, und hoffte, in nicht allzu langer Zeit eine ausnehmend einträgliche Stellung zu haben. Darauf sagten sie: „Sieh mal an, was es in diesem Berlin doch für dolle Sachen gibt, und gratuliere herzlich“. Du aber, Peterlein, verzeih, wenn ich nicht ganz der Wahrheit gemäß meine Lehrlingsstellung in dem Hause Deines Oheims mit so hochtrabendem Titel bezeichnete. Nichts ist mir verhaßter als geheucheltes Mitleid, hinter dem sich die Schadenfreude birgt, und sollte ich vor diesen Menschen, über die ich mich mein Leben lang lustig gemacht hatte, wie ein Bettler dastehen? Da ersetzte ich also, wie es in dem alten Studentenspruche heißt, den mangelnden Sommerüberzieher durch eine schneidige Haltung und schnurrte sie ein wenig an.
Unter den Leidtragenden befand sich auch die Gräfinmutter aus Hellingenau mit ihrer Tochter. Der große Hanns war aus Dir ja bekannten Gründen ferngeblieben. Die Wunschmaid ist womöglich noch größer und stärker geworden, sah mich freundlich an und schüttelte mir fast den Arm aus dem Schultergelenk. Ich glaube, ich würde noch heute bei ihr eine günstige Aufnahme finden, wenn ich fragen wollte: „na, Hella, wie ist’s mit uns beiden?“ Aber mir fehlt zu der Rolle einer Art von Prinzgemahl jeder Beruf. Ich möchte mir mein bißchen Geld selbst verdienen, habe außerdem ein viel zu schönheitsdurstiges Auge für das, was alle Tage um mich sein soll bis an mein seliges Ende, und wenn ich die Mutter ansehe, schaudert’s mich. Aber auch die Wunschmaid liebt mich wohl nur aus proportionalen Gründen. Wenn sie einen Jüngling findet, der zu ihrer Länge ebenso gut paßt wie ich, wird sie sich trösten.
Also der große Hanns war nicht gekommen, um meiner Schwester eine peinliche Begegnung zu ersparen. Dafür hat er seine Teilnahme anders gezeigt und sich dabei als ein anständiger Kerl erwiesen. Am Tage nach meiner Ankunft ließ er mich zu einer Unterredung entbieten. Wir trafen uns auf der Grenzscheide zwischen Przygorowen und Hellingenau und haben dort manches besprochen. Er will meine zweitausend Morgen kaufen und zahlt einen ordentlichen Preis. Meine Schwester und ich brauchen nicht ganz als Bettelleute in die Welt hinauszuziehen. Morgen vormittag ist die gerichtliche Auflassung, das letzte Stück Bergkemsche Erde geht den Weg seiner Vorgänger, und eins der altansässigen Geschlechter, die dieses Land einst erobern halfen, verliert wieder einmal seine Bodenständigkeit. Vielleicht daß der Letzte dieses Geschlechtes sich auf einem anderen Feld tüchtiger erweist. Und — lach nicht — ich habe mir einen Vorbehalt ausbedungen, das Recht, in einem Zeitraum von fünf Jahren dieses Stück Erde mit angemessenem Aufschlage für stattgehabte Meliorationen zurückzukaufen. Das klingt heute in meiner Lage sehr vermessen, aber ich habe ein Ziel und einen Ansporn. Und es tut zu wehe, hier von allem und für immer scheiden zu müssen.
Also meine Heimat will ich mir wiedererobern in fünf Jahren Arbeit, der weiße Wappenvogel meines Geschlechts, der Falke, der nach einer alten Familiensage einst über den Bergen Thüringens flog, soll in gemessener Frist den Platz wiederfinden, an dem er vierhundert Jahre lang und noch etliche mehr gehorstet hat. Und ich fühle, es wird mir gelingen. Arbeiten will ich von früh bis spät, aber ich weiß es gewiß, es wird auch ein Quentchen Glück dabei sein. Besinnst Du Dich noch auf das alte Märchen, das ich Dir erzählte, als ich Dir zum ersten Male das Stück kärglichen Sandbodens zeigte, von dem mir heute der Abschied so schwer wird? —
Mit Brigitte hab’ ich gesprochen. Sie kommt gern nach Berlin. Was soll sie anders tun? Wo ich meinen Zeltpfahl einstecke, ist ihre Heimat. In dem Berufe einer Krankenpflegerin hat sie sich in diesen schweren Wochen geübt, und er bedeutet für sie keine Entsagung. Ich aber stehe dabei und schüttle manchmal den Kopf, wenn ich denke, das soll der letzte Ausgang für ein Mädel sein, das einst mit lachenden Augen ins Leben sah. Aber ich mag ihr nicht dreinreden, denn ich habe schon einmal mit ungeschickter Faust in ihr Leben gegriffen. Wir gedenken eine bescheidene Vierzimmerwohnung zu nehmen — vielleicht hast Du die Güte, Dich nach einem passenden Losament mit guter Verbindung zur Behrenstraße umzusehen — und morgen geht von hier ein Möbelwagen mit dem Notwendigsten fort. Altes Gerümpel zum großen Teil, das kaum noch die Transportkosten verlohnt, und ein paar Bilder, aber man kann sich dazwischen vielleicht manchmal einbilden, man wäre immer noch zu Hause. Bei dem Preise der Wohnung bitte ich tausend Mark pro Jahr nicht zu überschreiten, wir leben vom Kapital und müssen sparsam sein. Nur etwas Grünes müßte vor den Fenstern sein, damit meiner Schwester der Uebergang nicht allzu schwer wird.
Auch in Stradaunen war ich in diesen Tagen, weil ich auf dem Amtsgericht wegen der Auflassung zu tun hatte. Fräulein Trudchen liebt nach wie vor den jeweilig jüngsten Referendarius, aber ich glaube nicht, daß sie bei dieser Tätigkeit den gewünschten Erfolg erzielen wird. Die jungen Juristen heutzutage sind flatterhaften Sinnes, schwärmen nicht mehr für Chopin und wissen ein gediegenes Herz unter unscheinbarer Hülle nicht zu schätzen. Ich glaube, sie wird ihre Tage als Klavierlehrerin beschließen.
Das Grand Hotel steht noch immer, und Herr Popiella läßt Dich in hochachtungsvoller Erinnerung an die trotz achttägigen Aufenthalts voll bezahlte Vierteljahrsmiete bestens grüßen. Er hat sich von dem Sündengeld eine neue Veranda gebaut.
An dem langen Stammtische der Mittagsgesellschaft lauter neue Gesichter, nur der Herr Provisor thront nach wie vor auf dem Präsidentensitz als letzte Säule entschwundener Pracht. Das Wiedersehen war schmerzlich bewegt, und seine erste Frage galt Dir! Du bist seine glorreichste Erinnerung, und ich glaube, er wartet nur auf das Hinscheiden des letzten lebenden Augenzeugen — Herr Popiella ist stark asthmatisch geworden von seinen ewigen Erwärmungsgrogs, aber erfreut sich immer noch eines ungetrübten Gedächtnisses — also Herr Kellmigkeit wartet auf sein seliges Ende, um seiner Erzählung von dem mit Dir ausgefochtenen Pistolenduell einen explosiven Schlußeffekt geben zu dürfen. Ich teilte ihm mit, ich hätte damals zur Verhinderung jedes blutigen Ausganges die Pistons der beiden Mordinstrumente feuersicher verstopft, und wir schieden in erheblicher Verstimmung. Aber ich vermute, nach einigen Jahren wird man Dich schwerverwundet von dem Schauplatze des Zweikampfes tragen, und nur seinem Edelmute wird es zu danken sein, daß er seine berühmte Schießfertigkeit nicht besser ausnützte, Dir die wohlverdiente Todesstrafe erließ. Ich habe selbst genug Jagdgeschichten erzählt in meinem Leben und glaube ihr allmähliches Wachstum aus schüchternen Anfängen zu kennen.
Ich bin ins Plaudern geraten, aber ich plaudere gern mit Dir, Peterlein, und ich meine, die Freundschaften sind nicht immer nach dem Scheffel Salz zu messen. Vielleicht wirst Du in Deinem ernsthaften Sinn denken, welche Unbeträchtlichkeiten in so schwerer Stunde! Aber wenn es ans Abschiednehmen geht, werden die Kleinigkeiten wertvoller als große Erlebnisse.