Brigitte läßt Dich herzlich grüßen und freut sich, Dich wiederzusehen. Eben tritt sie in Hut und Mantel an meinen Schreibtisch, um mich abzuholen. Wir wollen an einen frischen Hügel gehen, unserm Mütterchen gute Nacht sagen.
In Treue Dein Freund
Heino.“
Diesen Brief teilte Peter in bereits stark zerlesenem Zustande seinem Oheim mit, damit er sich daraus vielleicht ein besseres Bild seines künftigen Privatsekretärs entnähme als aus langatmigen Schilderungen. Aber der Erfolg entsprach eigentlich nicht recht seinen Erwartungen. Der alte Herr las zwar aufmerksam und lange, am Schlusse jedoch sagte er nichts weiter als:
„Du hast mich recht neugierig gemacht. Ein sehr sympathischer junger Mann, dem es anscheinend mit seinen Vorsätzen ernst ist, und ich liebe die Draufgänger, die an sich und ihren Stern glauben. Ob er aber ein tüchtiger Geschäftsmann wird, darüber wollen wir uns nach einem Jahre sprechen!“
Danach begab sich Peter auf die Wohnungssuche, lief treppauf und treppab, und wenn er sich prüfend in den Räumen umsah, zog er einen Brief aus der Tasche, anscheinend um nachzusehen, ob das Gelaß auch den gestellten Anforderungen entspräche. In Wirklichkeit war es ihm nur um zwei Zeilen zu tun, die er schier tausendmal wohl schon gelesen hatte, ohne sich an ihnen satt sehen zu können: „Brigitte läßt Dich herzlich grüßen und freut sich, Dich wiederzusehen.“ Sie freute sich darauf, ihn wiederzusehen, also hatte sie doch seiner zuweilen gedacht, die blonde Brigitte! ...
Und nichts war ihm gut genug, was er prüfte, als er aber endlich zu dem vorgeschriebenen Preise eine leidlich passende Wohnung gefunden hatte, weit draußen am Charlottenburger Bahnhofe mit dem Blicke auf buschbepflanzte Rasenböschungen, ließ er eine Wagenladung frischer Blumen in die Zimmer schleppen, um ihr im Augenblicke der Ankunft wenigstens einen Ersatz für die kümmerliche Aussicht zu bieten. Und unter Hangen und Bangen kam die Stunde heran, in der er sich endlich, viel zu spät für seine zehrende Ungeduld, an den Bahnhof begeben durfte.
Der Zug fuhr donnernd und dröhnend in die hohe Halle, er stand mit einem Blumenstrauß in der Hand auf dem Bahnsteig, und das Herz schlug ihm bis in den Hals vor banger und freudiger Erwartung. Ein langer Arm winkte aus einem offenen Fenster. „Halloh, Peter, hier sind wir,“ aber der Wagen rollte weiter, er mußte sich erst durch eine drängende Menge mühsam den Weg bahnen, um an den richtigen Platz zu gelangen. Und da kam er um einiges zu spät, die Geschwister waren schon ausgestiegen, und die Begrüßung verlief nüchterner, als er sich’s erhofft hatte. Der lange Heino umarmte ihn herzlich, Fräulein Brigitte jedoch hatte ein Gepäckstück im Coupé zurückgelassen, das sich hinterher zwar schon im Besitze des Trägers wiederfand, immerhin aber einige Aufregung verursachte. Und Peter vermehrte noch ihre Beschwerden, denn der mit einigen stotternden Worten überreichte Blumenstrauß war neben einigen Schirmen, einem Täschchen und vielerlei kleinen Paketen nur schwer unterzubringen.
Da streckte sie ihm bloß einen Finger entgegen im schwarzen Handschuh, „ich danke sehr, lieber Herr Brenitz,“ und der Augenblick, dem er mit Herzklopfen entgegengesehen hatte, war vorüber. Rührend sah sie aus in ihrem schwarzen Trauerkleidchen, wie eine holdselige Verkörperung allen Schmerzes, aber es verletzte ihn tief, daß sie in diesem feierlichen Momente keine andere Sorge kannte als die Wiedererlangung eines wertlosen Gepäckstückes.
In befangener Stimmung wurde die Fahrt nach dem Hotel zurückgelegt. Die Geschwister begaben sich nach oben, und Peter wunderte sich nicht weiter, als nach einiger Zeit Heino allein wieder herunterkam und die Schwester entschuldigte, sie wäre von der langen Fahrt zu müde. Da empfahl er sich nach einigen belanglosen Reden und ging still nach Hause. Schalt unterwegs sich einen Toren, der in dem Wirrwarr einer Ankunft nach anstrengender Reise Unmögliches erwartet hatte. Eines aber blieb trotz aller Beschönigungsversuche haften: Um eine kleine Spur herzlicher hätte die blonde Brigitte ihn wohl begrüßen dürfen, wenn es ihr ähnlich zumute war wie ihm! Und auf allerhand leise Wünsche, die in diesen Tagen des Wartens emporgerankt waren, fiel jählings ein erkältender Reif ...