Heino von Bergkem stand in dem kleinen altmodisch eingerichteten Privatkontor in der Behrenstraße, und die erste Musterung war zu gegenseitigem Wohlgefallen ausgegangen. „Bitte, nehmen Sie Platz, Herr Baron,“ hatte der kleine Handelsherr gesagt, und der lange Abkömmling eines alten Rittergeschlechtes erwiderte in geziemender Haltung:

„Bitte, nur Bergkem, Herr Geheimrat. Ein Lehrling steht vor Ihnen, der zuweilen wohl einen groben Rüffel verdienen wird, und da wäre der Freiherrntitel vielleicht ein gänzlich unangebrachtes Hindernis.“

„So, so,“ sagte der alte Herr Geheimrat und ein Strahl von Wohlwollen blitzte in seinen klugen Augen auf. „Das ist ja sehr nett von Ihnen, aber Sie irren sich. Der Freiherrntitel würde mich durchaus nicht stören, falls ich Veranlassung hätte, mit Ihnen grob zu werden. Wollen beide hoffen, daß es nicht nötig sein wird! Na, und nun schießen Sie mal los, Herr Baron, wie haben Sie sich eigentlich Ihre Stellung in meinem Hause gedacht?“

Heino hob die Achseln.

„Keinen Schimmer, Herr Geheimrat. Ich will lernen und arbeiten. Ob ich Ihnen irgendwie nützlich sein kann, wird sozusagen der Sektionsbefund ergeben. Meine Freunde rühmen meinen gesunden Menschenverstand, daneben verfüge ich noch von meinem vergeblichen Jurastudium her über einige Kenntnisse im Handelsrecht, aber ich weiß nicht, ob das reichen wird.“

„Hm,“ sagte der Herr Geheimrat wohlwollend, denn der Lange in seinem herzhaft-unbekümmerten Wesen gefiel ihm mehr und mehr. „Für einen intelligenten Menschen sind die technischen Kniffe unseres Handwerks ein Kinderspiel, mancher freilich lernt sie nie. Einem andern aber fliegen sie zu, wenn er sechsmal durch ein ordentlich geführtes Bureau geht. Aber das ist nicht das Wesentliche. Ich habe da zum Beispiel in meinem Kontor einen Buchhalter, der sieht ’ne ellenlange Zahlenreihe bloß an, schreibt ohne Rechnen die Summe unter den Strich. Ich irr’ mich dreimal, wenn ich bei ’ner Bridgepartie — Sie können doch hoffentlich Bridge? — das Resultat ausrechnen soll, aber dennoch bilde ich mir ein, ein leidlicher Bankier zu sein, und würde mich immerhin bedanken, das Additionsphänomen von einem Buchhalter zu Rate zu ziehen, wenn sich’s um eine neue argentinische Anleihe handelt. Also ich werde Sie sechs Wochen unter meinen alten Markuse stecken, damit Sie lernen, ‚Geld‘ von ‚Brief‘ zu unterscheiden, die übrige Erziehung soll meine Sorge sein.“

Und ein wenig ernster fuhr er fort: „Herr von Bergkem, ich fange an, alt zu werden und sehne mich nach einem, der mir die schwere Last der Geschäfte ein wenig erleichtert. Der dazu am nächsten wäre, geht anderen Zielen nach, und die übrigen aus der entfernteren Verwandtschaft, die sich dazu drängen, mag ich nicht. Kaum daß sie recht auf allen Vieren kriechen können, fangen sie mit den hier aufgeschnappten Tips auf eigene Faust zu spekulieren an. Ich möchte einen haben, dem ich glauben könnte wie mir selbst, seine Brust müßte wie ein Grab sein. Ich will Ihnen vertrauen, denn mein Neffe empfiehlt Sie. Ehe Sie aber einschlagen, bedenken Sie sich noch einmal. Die Enttäuschung könnte mich nicht nur Geld kosten — das läßt sich verschmerzen — sondern vielleicht noch einiges mehr. Und dazu bin ich zu alt, das möchte ich nicht mehr erleben.“

Heino sah den alten Herrn voll an.

„Herr Geheimrat, was soll ich Ihnen darauf erwidern? Ich habe manchen dummen Streich gemacht in meinem Leben, aber keinen schlechten, und noch nie hat ein Bergkem die Treue gebrochen. Ich will mich ehrlich zu Ihnen halten, und mein Wort muß Ihnen genug sein. Andere Bekräftigungsmittel habe ich nicht. Wenn’s Ihnen also recht ist, schlagen Sie ein!“

Und er streckte dem kleinen, gewaltigen Handelsherrn in ehrfürchtiger Haltung die Hand entgegen. Der Geheimrat Brenitz aber ergriff die gebotene Hand, schüttelte sie herzlich, und in seinen Augenwinkeln schimmerte es feucht. Die Gesinnung war lobenswert, und wenn die Leistungen sich auf der gleichen Höhe hielten, konnte er vielleicht auf seine späten Tage einen Lehrling finden, bei dem das Unterrichten eine Freude war ...